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Geschichte im Weserbergland neu freigelegt

Forschung & Quellen

Mittelalterliche Urkunden: Originale im Archiv oder digitale Kopien?

Über 3,5 Millionen Archivalieneinheiten aus niedersächsischen Archiven lassen sich inzwischen über Arcinsys recherchieren.

Mittelalterliche Urkunden: Originale im Archiv oder digitale Kopien?

Dazu kommen digitale Urkundenbestände bei monasterium.net und im Lichtbildarchiv Marburg, darunter mehr als 13.000 digitalisierte Stücke. Für die erste Quellenarbeit im Weserbergland ist der Bildschirm deshalb kein Notbehelf mehr.

Für die vollständige diplomatische Prüfung reicht er dennoch nicht aus. Ein Digitalisat zeigt Schrift, Layout, Rasuren und häufig auch Siegel. Es zeigt aber nicht zuverlässig die Oberflächenstruktur des Pergaments, die Stärke des Beschreibstoffs, die Art des Tintenauftrags oder die räumliche Wirkung einer Falzung. Die Frage lautet daher nicht, ob digitale Forschung oder Archivbesuch grundsätzlich besser ist. Entscheidend ist, an welchem Punkt der Bearbeitung welche Quelle benötigt wird.

Digitale Quellenlage: Der erste Zugriff erfolgt meist online

Die Recherche beginnt zweckmäßig nicht am Magazinregal, sondern im Bestandsnachweis. Arcinsys ermöglicht die bildschirmbasierte Suche in niedersächsischen Archiven ohne vorherige Registrierung. Für die Regionalgeschichte des Weserberglands ist das relevant, weil sich dort Bestände aus verschiedenen Einrichtungen, Orten und Verwaltungsträgern zunächst über Verzeichnungseinheiten eingrenzen lassen.

Gesucht werden kann unter anderem nach:

  • Ortsnamen und historischen Schreibvarianten,
  • Personennamen und Institutionen,
  • Klöstern, Kirchen, Gerichten und Grundherrschaften,
  • Urkundenbeständen und zeitlichen Eingrenzungen,
  • Provenienzen und Bestandsgruppen,
  • vorhandenen Digitalisaten oder Verweisen auf Reproduktionen.

Die Verzeichnung ist dabei nicht mit einer vollständigen Quellenedition gleichzusetzen. Ein Archiveintrag kann den Bestand, die Laufzeit und den Dokumenttyp nennen, ohne den gesamten Text der Urkunde bereitzustellen. Umgekehrt kann ein Digitalisat vorhanden sein, während die Erschließungsdaten nur knapp ausfallen. Der Rechercheweg bleibt deshalb zweistufig: Zuerst wird der Bestand identifiziert. Danach wird geprüft, ob Bild, Transkription oder Edition verfügbar sind.

Plattformen wie monasterium.net und das Marburger Urkundenrepositorium erweitern diesen Zugriff. Dort stehen mittelalterliche Urkunden mit hochauflösenden Digitalisaten und teilweise mit Transkriptionen zur Verfügung. Das ist für die Quellenarbeit im Raum Niedersachsen besonders nützlich, wenn Urkunden über geistliche Einrichtungen, regionale Herrschaftsträger oder überörtliche Rechtsbeziehungen ausgewertet werden.

Die digitale Recherche hat drei klare Vorteile:

1. Der Bestand wird schneller abgegrenzt. Mehrere Archive und Repositorien können ohne Ortswechsel durchsucht werden.

2. Die Quelle bleibt vergleichbar. Digitalisate lassen sich nebeneinander öffnen, vergrößern und in einer Arbeitsdokumentation systematisch gegenüberstellen.

3. Die Vorarbeit wird präziser. Ein Archivbesuch kann auf konkrete Signaturen und bereits bekannte Stücke konzentriert werden.

Damit ist die Digitalisierung historischer Urkunden nicht nur eine Frage des Komforts. Sie verändert die Reihenfolge der Arbeit. Früher wurde häufig zuerst das Original konsultiert und anschließend beschrieben. Heute wird zunächst digital gesichtet, sortiert und priorisiert. Das Archiv wird danach gezielter aufgesucht.

Der Scan ersetzt den ersten Zugriff auf die Quelle. Er ersetzt nicht jede Prüfung, die am Material selbst vorgenommen werden muss.

HTR-Technologie und die Grenzen der automatisierten Transkription

Die Lesung mittelalterlicher Handschriften ist eine eigene methodische Stufe. Ein Digitalisat macht die Schrift sichtbar. Es macht sie nicht automatisch verständlich. Bei stark abgekürzten Texten müssen Buchstabenformen, Schreibgewohnheiten, grammatische Zusammenhänge und die Terminologie des jeweiligen Bestands zusammengeführt werden.

Hier kommen Systeme zur automatisierten Handschriftenerkennung zum Einsatz. Programme wie Transkribus können historische Schriftbilder anhand trainierter Modelle in Text überführen. Unter idealen Trainingsbedingungen wurden Fehlerraten von unter 2 Prozent erreicht. Diese Zahl ist jedoch an die Bedingungen des jeweiligen Modells gebunden. Sie gilt nicht pauschal für jede Urkunde, jede Zeitstufe und jede Beschädigung.

Die Qualität hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:

  • einheitliche oder wechselnde Schreiberhände,
  • Zustand und Kontrast des Digitalisats,
  • Beschädigungen, Flecken und Fehlstellen,
  • Schriftart und zeitlicher Abstand,
  • Umfang und Qualität des Trainingsmaterials,
  • Dichte und Systematik der Abkürzungen,
  • Zeilenführung, Randnotizen und nachträgliche Einträge.

Ein Modell kann eine regelmäßig geschriebene Passage gut erfassen und an einer einzigen Zeile mit ungewöhnlichen Ligaturen scheitern. Auch der Unterschied zwischen einem langen „s“, einem „f“ und einer beschädigten Oberlängenstruktur kann für die automatische Erkennung erheblich sein. Die Ausgabe ist deshalb eine Arbeitsgrundlage. Sie ist keine geprüfte Edition.

Für die regionale Forschung ist das trotzdem ein erheblicher Fortschritt. Große Urkundenbestände können vorstrukturiert werden. Wiederkehrende Ortsnamen, Personenbezeichnungen oder Formeln lassen sich schneller auffinden. Eine HTR-Ausgabe kann außerdem die erste Orientierung bei schwer lesbaren Seiten erleichtern. Die manuelle Kontrolle bleibt dort erforderlich, wo die Lesung als Beleg dienen soll.

Transkription ist nicht Übersetzung

Ein häufiger Fehler liegt in der Gleichsetzung von automatischer Transkription und inhaltlicher Erschließung. Die Transkription überträgt Zeichen oder erkannte Schrift in eine lesbare Textform. Sie erklärt nicht zwingend Abkürzungen, normalisiert keine Schreibvarianten und löst keine historischen Ortsnamen auf.

Gerade in der mittelalterlichen Quellenarbeit ist diese Trennung notwendig. Ein Ortsname kann in einer Urkunde anders geschrieben sein als in einer späteren Überlieferung. Eine Person kann mit mehreren Namensformen auftreten. Eine Formel kann juristische Bedeutung besitzen, die aus einer modernen Lesung nicht unmittelbar hervorgeht.

Die Ausgabe eines Erkennungssystems muss daher mindestens an den problematischen Stellen am Digitalisat kontrolliert werden. Bei zentralen Begriffen genügt es nicht, den wahrscheinlichsten Text zu übernehmen. Die betreffende Buchstabenfolge muss im Bild nachvollziehbar sein. Unsichere Lesungen werden kenntlich gemacht. Ergänzungen dürfen nicht als sichere Bestandteile des Originals erscheinen.

Die Kunst der Abkürzung: Warum Paläografie am Bildschirm schwierig bleibt

Mittelalterliche Schreiber verkürzten Wörter systematisch. Kontraktionen, Suspensionen und weitere Abkürzungszeichen konnten den geschriebenen Text um etwa 30 bis 40 Prozent komprimieren. Das spart Schreibfläche, erhöht aber die Anforderungen an die Lesung.

Eine Abkürzung ist kein bloßer Buchstabenrest. Ihr Zeichenwert hängt vom Schreibsystem, vom Kontext und vom Formular der Urkunde ab. Ein übergesetztes Zeichen kann mehrere Buchstaben anzeigen. Eine fehlende Endung kann durch eine Suspension markiert sein. Tironische Noten und andere konventionelle Zeichen müssen aus der jeweiligen Schriftpraxis heraus gelesen werden.

Für die Paläografie regionaler Quellen bedeutet das: Der Text wird nicht Buchstabe für Buchstabe ohne Vorwissen entziffert. Die Lesung arbeitet mit Vergleichsmaterial. Wiederkehrende Formeln werden erkannt. Einzelne Zeichen werden mit anderen Stellen derselben Hand abgeglichen. Die räumliche Anordnung auf dem Planum der Schriftseite, also Zeilenabstände, Randbereiche und Nachträge, kann zusätzliche Hinweise geben.

Die digitale Vergrößerung hilft bei dieser Arbeit. Sie ist aber nicht neutral. Ein Bild kann durch Beleuchtung, Auflösung oder Kompression bestimmte Strukturen verstärken und andere abschwächen. Bei einem gut aufgenommenen Digitalisat sind feine Schriftzüge, Ligaturen und Beschädigungen oft besser zu erkennen als bei einer schnellen Betrachtung des Originals. Bei einem schwachen Digitalisat ist der gegenteilige Effekt möglich.

Eine belastbare Lesung sollte deshalb mehrere Ebenen auseinanderhalten:

ArbeitsschrittDigitalscanOriginal im Archiv
Erste Schriftbestimmungmeist ausreichendmöglich, aber nicht zwingend nötig
Vergleich von Buchstabenformenbei guter Auflösung gut möglichdurch Materialität und Beleuchtung ergänzbar
Auflösung von Abkürzungennur mit paläografischer Kontrollekeine automatische Sicherheit durch das Original
Untersuchung von Rasuren und Nachträgenteilweise erkennbarhäufig besser beurteilbar
Prüfung von Pergament, Tinte und Siegelnur eingeschränkterforderlich, wenn Materialität entscheidend ist
Schnelle Suche nach Namen und Formelnmit HTR und Volltext sehr effizientim Bestand deutlich langsamer
Diplomatische Echtheitskritikvorbereitend geeignetbei strittigen Fragen unverzichtbar

Die Tabelle zeigt den entscheidenden Unterschied: Der Bildschirm ist bei der Textarbeit oft überlegen. Das Original ist bei der Materialprüfung nicht ersetzbar.

Vom Suchergebnis zur belastbaren Quellenarbeit

Nach der digitalen Sichtung sollte die Bearbeitung chronologisch und kontrolliert erfolgen. Ein sinnvoller Arbeitsablauf besteht nicht aus einem einzelnen Archivbesuch, sondern aus aufeinanderfolgenden Prüfungen.

1. Verzeichnung und Provenienz feststellen

Zuerst wird geklärt, in welchem Bestand die Urkunde liegt und unter welcher Signatur sie geführt wird. Die Provenienz ist für die Einordnung zentral. Eine Urkunde aus einem klösterlichen Bestand ist anders zu bewerten als ein Einzelstück in einer später gebildeten Sammlung. Auch die Überlieferungsgeschichte kann erklären, warum ein Stück mehrfach reproduziert, umgeordnet oder nur als Abschrift erhalten ist.

2. Digitalisat und Transkription getrennt sichern

Bilddatei und Transkription werden nicht als ein gemeinsames Dokument behandelt. Das Digitalisat ist der visuelle Befund. Die Transkription ist eine Bearbeitung dieses Befunds. Für jede spätere Aussage muss erkennbar bleiben, ob sie aus dem Bild, aus einer vorhandenen Lesung oder aus einer eigenen Bearbeitung stammt.

Das gilt auch für automatisierte Ausgaben. Eine maschinell erzeugte Transkription sollte nicht stillschweigend in einen scheinbar gesicherten Fließtext überführt werden. Fehler können sonst bei der weiteren Recherche unbemerkt fortgeschrieben werden.

3. Schrift, Formular und Inhalt prüfen

Die Lesung wird an wiederkehrenden Formeln und vergleichbaren Urkunden kontrolliert. Datierung, Aussteller, Empfänger, Rechtsinhalt und Zeugen werden nicht isoliert betrachtet. Sie bilden ein Formulargefüge. Abweichungen können bedeutungsvoll sein. Sie können aber auch aus einer anderen Schreibstufe, einem anderen Schreiber oder einer späteren Bearbeitung resultieren.

Bei Ortsnamen ist besondere Zurückhaltung nötig. Eine moderne Zuordnung darf nicht allein aus ähnlicher Lautung abgeleitet werden. Historische Schreibweisen, regionale Lautentwicklung und die Lage des überlieferten Besitzes müssen zusammenpassen. Die Ortsnamenforschung liefert hier Hilfsmittel, aber keine automatische Identität.

4. Problemstellen markieren

Unleserliche oder beschädigte Stellen werden als solche dokumentiert. Eine Ergänzung kann paläografisch plausibel sein, bleibt aber eine Ergänzung. Gerade bei Eigennamen, Datierungen und Rechtsformeln kann ein einzelnes Zeichen den Befund verändern.

In der digitalen Arbeitsumgebung lassen sich solche Stellen mit Bildausschnitt, Zeilenangabe und Lesungsgrad vermerken. Das ist methodisch sauberer als eine geglättete Transkription, in der Unsicherheiten nicht mehr sichtbar sind.

5. Entscheidung über den Archivbesuch treffen

Erst nach dieser Vorarbeit lässt sich beurteilen, ob das Original benötigt wird. Für eine allgemeine Bestandsübersicht oder die Vorbereitung einer regionalgeschichtlichen Fragestellung ist ein Archivbesuch häufig nicht der erste notwendige Schritt. Für die Prüfung eines konkreten Befunds kann er zwingend werden.

Diplomatische Echtheitskritik: Warum die Haptik des Pergaments zählt

Die Echtheitskritik untersucht nicht nur den Wortlaut. Sie bezieht die äußeren und inneren Merkmale der Urkunde ein. Zu den äußeren Merkmalen gehören Beschreibstoff, Format, Faltung, Tintenverteilung, Schriftbild, Siegel und Befestigung. Zu den inneren Merkmalen zählen unter anderem Formular, Sprache, Datierung, Rechtsinhalt und die Verwendung bestimmter Namen oder Titel.

Ein Scan bildet diese Ebenen unterschiedlich gut ab. Schrift und Layout werden bei hoher Auflösung meist angemessen erfasst. Die Materialstärke des Pergaments bleibt dagegen nur indirekt sichtbar. Auch die Haptik der Oberfläche, die Spannung einer Faltung und die Beschaffenheit von Kanten lassen sich am Bildschirm nicht zuverlässig beurteilen.

Bei einer diplomatischen Echtheitsanalyse ist die physische Autopsie des Originals deshalb weiterhin erforderlich. Autopsie bedeutet hier die unmittelbare Untersuchung des überlieferten Stücks. Es geht nicht um einen zusätzlichen symbolischen Arbeitsschritt, sondern um Befunde, die ein Digitalisat nicht vollständig transportiert.

Das betrifft insbesondere:

  • die Qualität und Bearbeitung des Pergaments,
  • die Verteilung und Schichtung der Tinte,
  • Rasuren, Abschabungen und nachträgliche Eingriffe,
  • Faltungen und ursprüngliche Befestigungen,
  • Beschädigungen an Rand und Beschreibfläche,
  • Material und Zustand des Siegels,
  • Verhältnis von Schrift, Siegel und Urkundenformat.

Eine hochauflösende Aufnahme kann eine Rasur sichtbar machen. Sie zeigt aber nicht immer, wie tief in die Oberfläche eingegriffen wurde. Sie kann ein Siegel frontal abbilden. Sie ersetzt nicht die Untersuchung von Material, Rückseite, Befestigung und Bruchstellen. Für die Echtheitsfrage ist genau diese Differenz entscheidend.

Je näher die Forschungsfrage an der Echtheit, der Entstehung oder der Überlieferung des Stücks liegt, desto weniger genügt die digitale Kopie allein.

Sphragistik und Materialität: Das Siegel ist kein Bildanhang

Siegel werden in digitalen Reproduktionen häufig wie ein Bestandteil des Seitenlayouts behandelt. Das ist methodisch zu kurz gegriffen. Ein Siegel ist ein eigener Befund mit eigener Überlieferungsgeschichte.

Zu untersuchen sind unter anderem Form, Größe, Material, Befestigung, Erhaltungszustand und Verhältnis zur Urkunde. Auch die Frage, ob das Siegel ursprünglich angebracht oder später ergänzt wurde, kann für die Bewertung relevant sein. Ein Bild zeigt die sichtbare Vorderseite. Es dokumentiert nicht automatisch alle technischen Details der Befestigung.

Bei angehängten oder aufgedrückten Siegeln können Rückstände, Risse und Zugrichtungen am Pergament Hinweise liefern. Ebenso kann die Faltung der Urkunde mit der Befestigung zusammenhängen. Diese Informationen werden durch eine zweidimensionale Aufnahme nur teilweise übertragen.

Für die Sphragistik bleibt daher der Weg ins Archiv notwendig, sobald das Siegel mehr sein soll als ein illustratives Merkmal. Bei einer ersten Identifizierung kann das Digitalisat ausreichen. Bei einer Aussage über Echtheit, zeitliche Einordnung oder ursprüngliche Anbringung muss das Original untersucht werden.

Das gilt auch für Monogramme und besondere Schriftzeichen. Ihre grafische Form kann digital gut sichtbar sein. Die Frage, ob ein Zeichen tatsächlich in einem bestimmten Arbeitsgang aufgebracht wurde oder ob es sich um eine spätere Veränderung handelt, berührt wiederum die Materialität.

Archivbesuch gegen Online-Datenbank: Welche Methode passt zur Frage?

Die Entscheidung lässt sich nicht durch eine allgemeine Rangordnung lösen. Beide Zugänge erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Wer nur online recherchiert, riskiert, die Aussagekraft eines Digitalisats zu überschätzen. Wer jede Vorarbeit im Lesesaal beginnt, arbeitet bei großen Beständen unnötig langsam.

Für die praktische Quellenarbeit im Weserbergland bietet sich folgende Zuordnung an:

  • Bestandsrecherche und erste Eingrenzung: Arcinsys und andere digitale Kataloge.
  • Sichtung mehrerer Urkunden: digitale Repositorien und hochauflösende Scans.
  • Suche nach wiederkehrenden Namen und Formeln: Transkriptionen und HTR-Ausgaben als Arbeitsmittel.
  • Paläografische Kontrolle zentraler Lesungen: Digitalisat mit manueller Prüfung.
  • Vergleich von Siegeln, Faltungen und Beschreibstoffen: Original im Archiv.
  • Diplomatische Echtheitskritik: Kombination aus Digitalisat, Transkription und physischer Autopsie.
  • Vorbereitung einer Publikation: vollständige Dokumentation von Bild, Lesung, Unsicherheiten und Materialbefund.

Die digitale Forschung reicht also für viele Vorarbeiten aus. Sie reicht auch für zahlreiche Fragestellungen der Regionalgeschichte, wenn nicht die Materialität des Originals untersucht werden soll. Eine Übersicht zu Besitzverhältnissen, eine Namenssammlung oder die Vorbereitung einer Ortsnamenstudie kann auf Digitalisaten aufbauen.

Anders liegt der Fall bei einer strittigen Urkunde. Sobald die Frage lautet, ob ein Stück zeitgenössisch, verändert, nachträglich ergänzt oder falsch zugeschrieben ist, wird der Archivbesuch zum methodischen Bestandteil der Untersuchung. Der Scan bleibt wichtig. Er ist dann Dokumentation und Vergleichsbasis, aber nicht die gesamte Quelle.

Was digitale Kopien leisten können – und was nicht

Die Stärke der Digitalisierung liegt in der Reichweite. Ein Forscher kann Bestände aus verschiedenen Archiven abgleichen, ohne jede Einrichtung einzeln aufzusuchen. Für die niedersächsische Landesgeschichte ist das ein erheblicher Gewinn. Quellen lassen sich schneller auffinden, Arbeitskopien können gesichert und Lesungen mit anderen Bearbeitungen verglichen werden.

Die Schwäche liegt in der Reduktion. Jede Reproduktion wählt einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Das gilt auch für hochwertige Aufnahmen. Sie übertragen Farbe, Kontrast und Form, aber nicht jede Eigenschaft des Materials. Ein Scan ist deshalb kein minderwertiger Ersatz. Er ist ein anderes Dokument mit anderer Reichweite.

Auch die automatisierte Transkription muss in diesem Rahmen eingeordnet werden. Fehlerraten von unter 2 Prozent unter idealen Trainingsbedingungen zeigen das Potenzial der Technik. Für eine konkrete Urkunde aus dem Weserbergland sagt dieser Wert allein jedoch nichts aus. Beschädigung, Schriftwechsel und Abkürzungsdichte können die Erkennung deutlich erschweren. Eine niedrige durchschnittliche Fehlerrate macht eine einzelne kritische Lesung nicht automatisch sicher.

Die belastbare Arbeit besteht deshalb aus mehreren Kontrollstufen:

1. Der Bestand wird digital lokalisiert.

2. Das Digitalisat wird auf Vollständigkeit und Qualität geprüft.

3. Eine vorhandene oder maschinelle Transkription wird mit dem Bild abgeglichen.

4. Abkürzungen, Eigennamen und Datierungen werden paläografisch kontrolliert.

5. Material, Siegel und Überlieferung werden am Original geprüft, wenn die Fragestellung dies verlangt.

6. Unsicherheiten werden im Ergebnis sichtbar gehalten.

Diese Reihenfolge spart Wege, ohne den methodischen Anspruch zu senken. Sie verhindert zugleich zwei gegensätzliche Fehler: den unnötigen Archivbesuch ohne vorbereitete Fragestellung und die unzulässige Sicherheit, die aus einem sauberen Digitalisat entsteht.

Fazit: Der Scan ist der Regelfall für den Einstieg, das Original die Instanz für die Materialfrage

Für die Forschung zu mittelalterlichen Urkunden im Weserbergland ist ein Archivbesuch nicht grundsätzlich zwingend. Arcinsys, monasterium.net, das Marburger Urkundenrepositorium und digitale Transkriptionen ermöglichen eine weitreichende erste Quellenarbeit. Bestände können recherchiert, Urkunden verglichen und Lesungen vorbereitet werden, ohne dass jede Quelle physisch eingesehen wird.

Die Grenze verläuft bei der diplomatischen Prüfung. Pergament, Tinte, Faltung, Rasur, Siegel und Befestigung sind nicht vollständig in eine Bildschirmansicht übertragbar. Wer Aussagen zur Echtheit, zur Entstehung oder zu nachträglichen Veränderungen trifft, muss das Original dort untersuchen, wo der digitale Befund nicht ausreicht.

Die sachgerechte Antwort auf die Frage nach Archiv oder Digitalscan lautet daher: zuerst digital, bei Bedarf physisch. Das ist kein Kompromiss, sondern der heute zweckmäßige Arbeitsablauf. Die Datenbank liefert den Zugang. Der Scan liefert die visuelle Arbeitsgrundlage. Die Transkription beschleunigt die Lesung. Das Original entscheidet bei der Materialität.

Häufige Fragen

Reicht ein Digitalisat für eine vollständige diplomatische Prüfung aus?
Nein, für eine vollständige Prüfung reicht ein Digitalisat nicht aus. Es zeigt zwar Schrift und Layout, kann aber die Oberflächenstruktur des Pergaments, die Art des Tintenauftrags oder die räumliche Wirkung einer Falzung nicht zuverlässig wiedergeben.
Wie hoch ist die Fehlerrate bei der automatisierten Handschriftenerkennung?
Unter idealen Trainingsbedingungen können Fehlerraten von unter 2 Prozent erreicht werden. Dieser Wert gilt jedoch nicht pauschal, da die Qualität stark von Faktoren wie dem Zustand der Urkunde, der Schriftart und der Dichte der Abkürzungen abhängt.
Warum ist der Archivbesuch bei Siegeluntersuchungen notwendig?
Ein Siegel ist ein eigener Befund mit einer eigenen Überlieferungsgeschichte. Da eine zweidimensionale Aufnahme technische Details der Befestigung, Rückstände oder Risse am Pergament oft nur unzureichend dokumentiert, muss das Original für eine fundierte Analyse untersucht werden.
Was ist der empfohlene Arbeitsablauf bei der Quellenarbeit?
Der zweckmäßige Ablauf beginnt mit der digitalen Bestandsrecherche und Sichtung von Scans. Erst wenn die Vorarbeit abgeschlossen ist und spezifische Fragen zur Materialität oder Echtheit offenbleiben, sollte das Archiv für eine physische Autopsie aufgesucht werden.