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Geschichte im Weserbergland neu freigelegt

Mittelalter & Rekonstruktion

Steckstühle im Reenactment: Warum der Fehlkauf droht

Maße auf dem Datenblatt: 105 bis 120 cm Gesamthöhe, 3,3 cm Holzstärke, rund 11 kg Eigengewicht. Verkaufspreise zwischen 55 € und 120 €.

Steckstühle im Reenactment: Warum der Fehlkauf droht

So präsentiert sich die Standardware des zweiteiligen Steckstuhls auf Mittelaltermärkten, in Onlineshops und bei Ausstattern für das Lagerleben. Zwei Bretter, eine Aussparung, kein Werkzeug, keine Schrauben, keine Nägel. Die Mechanik ist bestechend einfach. Die archäologische Beleglage ist es nicht. Für das europäische Mittelalter und die Wikingerzeit existiert weder ein archäologischer Fund noch eine zeitgenössische Bildquelle für diese Konstruktion. Was unter Bezeichnungen wie „Wikingerstuhl" oder „Ritterstuhl" vermarktet wird, gehört in die Rezeptionsgeschichte des 20. Jahrhunderts, nicht in die Sachkultur des Mittelalters.

Kein Befund, kein Bild, kein Beleg. Der Steckstuhl existiert ausschließlich in der Vermarktung.

Verbreitung und vermuteter Ursprung

Der genaue Ursprung des zweiteiligen Steckstuhls in der europäischen Open-Air-Szene ist nicht dokumentiert. Die Designgeschichte, die vermutlich zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren zu verorten ist, lässt sich anhand verfügbarer Quellen nicht lückenlos nachvollziehen. Gesichert ist hingegen, dass die Konstruktion bereits im Sommer 2011 in Reenactment-Foren, konkret im Mittelalterforum, als nicht belegt diskutiert wurde. Die damals dokumentierten Einwände gegen die historische Zuordnung sind sachlich bis heute nicht entkräftet.

Die im Handel und in der Szene verbreitete Bezeichnung „Wikingerstuhl" ist eine moderne Zuschreibung des Marketings, keine quellenbasierte Klassifikation. Eine vergleichbare Begriffsbildung findet sich bei anderen Produkten des Mittelaltermarktes, etwa beim „Wikingerzelt" mit gesteckter Rahmenkonstruktion, das ebenfalls in keine Bildquelle der Wikingerzeit rückführbar ist. Beide Produkte teilen das gleiche Vertriebsmuster: ein reduzierter, als „wikingerzeitlich" deklarierter Formfaktor, der über ethnografische Vorbilder außerhalb des mittelalterlichen Untersuchungsraums konstruiert wird.

Tatsächliche morphologische Parallelen finden sich außerhalb des europäischen Mittelalters. Plankenstühle mit vergleichbarer Steckverbindung sind aus dem subsaharischen Afrika dokumentiert, wo sie als Gebärstühle, Richterstühle oder allgemeine Alltagsmöbel in Gebrauch waren. Die Übertragung solcher ethnografischer Vorbilder in die mittelalterliche Reenactment-Szene erfolgte ohne dokumentierten Rückgriff auf europäische Quellen. In den einschlägigen Foren wird der Steckstuhl dementsprechend häufig dem sogenannten „Grobmittelalter" oder dem Larp-Bereich zugeordnet – Sparten, in denen die historische Beleglage kein Auswahlkriterium darstellt.

Drei Vertriebskanäle lassen sich derzeit benennen:

  • Kommerzielle Mittelaltermärkte und Onlineshops wie Ritterladen und vergleichbare Anbieter, die das Möbel aktiv als „Wikingerstuhl" bewerben
  • Larp- und Fantasy-Händler, die das Stück ohne historischen Kontext verkaufen
  • Museumsdörfer und Mittelalterbauprojekte im Weserbergland und anderswo, in denen das Möbel teilweise unkontrolliert Einzug gehalten hat und nicht immer kritisch nachgefragt wird

Archäologische und ikonografische Faktenlage

Die Beleglage für ein Sitzmöbel im europäischen Mittelalter wäre grundsätzlich auf zwei Wegen zu führen: über den archäologischen Fundkontext und über die Ikonografie zeitgenössischer Bildquellen. Beide Wege führen beim Steckstuhl ins Leere – methodisch betrachtet ein Befund mit negativem Ergebnis, der jedoch ebenso aussagekräftig ist wie ein positiver Fund.

Bei Ausgrabungen in mittelalterlichen Schichten sind organische Materialien wie Holz nur unter günstigen Bedingungen konserviert. Zu diesen Bedingungen zählen Feuchtbodensedimente, Brunnenverfüllungen, versiegelte Gruben sowie trockene, sauerstoffarme Schichtungen. In solchen Kontexten wären Möbelteile oder Fragmente davon grundsätzlich nachweisbar. Bekannt sind fragmentierte Stuhlteile aus londoner Ausgrabungen, Bankhölzer aus Lübecker Brunnen sowie vereinzelte Schemel aus Augsburger und Regensburger Grubenkontexten. Keine dieser Fundgruppen weist eine zweiteilige Steckkonstruktion ohne weitere Verbindungselemente auf. Das Fehlen von Eisenbeschlägen und Holznägeln wäre bei einer reinen Steckverbindung erwartbar – die Gegenprobe funktioniert daher nur über die Ikonografie.

Die Ikonografie bestätigt den archäologischen Befund. Die Durchsicht mittelalterlicher Buchmalerei – Sachsenspiegel-Handschriften, Manesse-Codex, Stundenbücher des 14. und 15. Jahrhunderts sowie Darstellungen der Monumentalmalerei – zeigt eine durchgehende Verwendung von Bänken, Schemeln mit Strebe, Dreibeinstühlen und vereinzelt Klappstühlen. In keiner dieser Quellen findet sich ein zweiteiliger Steckstuhl, der sich aus einem Sitzteil und einem Rückenlehnenteil über eine Aussparung formschlüssig zusammenfügt. Selbst in profanen Darstellungen, die üblicherweise eine breite Möbelpalette zeigen, fehlt die Konstruktion.

Die Holzverbindungstechnik selbst widerspricht dem, was die mittelalterliche Tischlerei an dokumentierten Lösungen kennt: Zapfen, Holznägel, Holzdübel, Eisenbeschläge, Überblattungen und Versätze. Auch wenn die mittelalterliche Holzbearbeitung kühne Lösungen kannte – der Klappstuhl mit X-Mechanik etwa ist mehrfach bildlich und vereinzelt auch material überliefert –, fehlt für die reine Steckverbindung des zweiteiligen Stuhls jeder Befund. Ein vereinzeltes Vorkommen ließe sich noch als Randerscheinung interpretieren. Das vollständige Fehlen in tausenden von Bildquellen und dutzenden dokumentierten Fundkomplexen spricht jedoch gegen eine mittelalterliche Existenz.

Material und Konstruktion: Die Diskrepanz zur Sachkultur

Die Handelsware unterscheidet sich nicht nur in der Form, sondern auch im Material und in den Proportionen deutlich von dem, was in mittelalterlichen Kontexten verarbeitet wurde.

ParameterHandelsware SteckstuhlMittelalterliche Vergleichsbefunde
HolzartMangoholz (Import aus Indien), Fichte (Baubohle)Eiche, Buche, regionale Hölzer
Holzstärkeca. 3,3 cm2–4 cm, je nach Möbeltyp
Gesamthöheca. 105–120 cmNiedrigere Sitzflächen, Bänke und Schemel oft unter 50 cm
Eigengewichtca. 11 kgVariabel, häufig schwerer bei Massivholzbauweise
VerbindungReine Steckverbindung, ohne FixierungZapfen, Holznägel, Dübel, Eisenbeschläge
BearbeitungHobelware, oft industriell gehobeltAxt, Dechsel, Hobel, Spuren der Handarbeit

Die Verwendung von Mangoholz ist bereits ein deutlicher Hinweis auf die moderne Provenienz. Mittelalterliche Möbel wurden aus regional verfügbaren Hölzern gefertigt. Eiche dominierte bei tragenden Teilen, Buche und Nadelhölzer bei untergeordneten Bauteilen. Tropische Importhölzer sind in mittelalterlichen Befunden im Weserbergland und in vergleichbaren Regionen Norddeutschlands nicht nachweisbar. Auch in hansischen Kontexten, in denen Importe eine größere Rolle spielten, ist Mangoholz kein dokumentiertes Material – die Beschaffungslogistik des 13. und 14. Jahrhunderts lässt solche Holzlieferungen aus Indien praktisch ausschließen.

Die Proportionen sind ebenfalls auffällig. Die handelsübliche Gesamthöhe von 105 bis 120 cm – einschließlich Rückenlehne – übersteigt das, was mittelalterliche Sitzmöbel zeigen. Bänke und Schemel weisen niedrigere Sitzflächen auf, Stühle mit Lehne waren im 12. bis 14. Jahrhundert ohnehin selten und blieben höheren sozialen Schichten vorbehalten. Die übliche Darstellung in der Ikonografie zeigt Stühle mit Sitzhöhen, die deutlich unter 50 cm liegen. Die moderne Steckstuhl-Konstruktion entspricht damit eher den ergonomischen Vorstellungen eines Campingsessels als den niedrigen, bodennahen Proportionen historischer Sitzmöbel.

Die Bearbeitung der Bauteile ist ein weiteres Indiz. Industriell gehobelte Bretter mit konstanter Stärke von 3,3 cm entsprechen nicht der mittelalterlichen Fertigungspraxis, bei der Bauteile mit Axt und Dechsel vorgespannt und mit dem Hobel nachbearbeitet wurden. Die handwerkliche Spur ist im Befund ein eigenständiges Datierungskriterium und gehört zur Standarddokumentation organischer Funde.

Belegte Alternativen für das Lagerleben

Wer im Reenactment auf nachgewiesene Sitzmöbel setzt, hat mehrere Optionen, die archäologisch und ikonografisch belegt sind:

  • Bank. Die mittelalterliche Bank ist die am breitesten belegte Sitzgelegenheit. Funde aus Brunnenverfüllungen in Lübeck, Augsburg und London sowie zahlreiche Darstellungen in der Buchmalerei dokumentieren das Möbel für alle Sozialschichten. Die Maße variieren, sind aber durchgehend niedrig. Eine Bank aus Eichenholz mit Zapfenverbindung lässt sich mit mittelalterlichen Techniken reproduzieren.
  • Schemel mit Strebe. Der dreibeinige oder vierbeinige Schemel mit Querstrebe ist ebenfalls häufig belegt. Verbindungen erfolgten über Holzdübel oder Zapfen. Die Höhe liegt in der Regel zwischen 35 und 50 cm Sitzhöhe. Für einfache Lagerdarstellungen die funktionalste Lösung.
  • Klappstuhl mit X-Mechanik. Dieser Möbeltyp ist seltener, aber durch Bildquellen und Einzelfunde nachgewiesen. Er erfordert eine aufwendigere Holzbearbeitung, bleibt aber im Rahmen mittelalterlicher Tischlertechnik. Für Darstellungen des gehobenen Bürgertums oder des niederen Adels geeignet.
  • Hocker. Einfache Hocker ohne Rückenlehne sind durch zahlreiche Funde dokumentiert und lassen sich mit vertätigem Aufwand aus heimischem Holz nachbauen. Die einfachste belegte Sitzform, geeignet für alle Sozialschichten.

Für alle genannten Möbeltypen gilt: heimisches Holz, Zapfen- oder Dübelverbindungen, Proportionen entsprechend der Ikonografie, sichtbare Handarbeit. Die Materialkosten bleiben im vergleichbaren Rahmen wie beim Steckstuhl, teilweise darunter, wenn auf Mangoholz und importierte Ware verzichtet wird. Die Werkzeuganforderungen sind überschaubar: Axt, Dechsel, Hobel, Bohrer, Holznägel aus gespaltenem Eichen- oder Hainbuchenholz.

Reenactment-Standards: Kontrolle am Lager

Wissenschaftlich orientierte Reenactment-Veranstaltungen und Mittelalterbauprojekte im Weserbergland und in vergleichbaren Regionen legen Wert auf eine belegte Sachkultur. Die Kontrolle erfolgt in der Regel vor oder während der Veranstaltung durch erfahrene Teilnehmer, durch Veranstaltungsleitungen oder durch beauftragte Authentizitätsbeauftragte. Sitzmöbel werden auf ihre Vereinbarkeit mit der angemeldeten Zeitstellung geprüft. Die Methodik entspricht im Kern derjenigen, die auch bei der Befundbewertung auf der Grabungsfläche angewandt wird: Beleglage, Materialpassung, Proportion, Datierung, Bearbeitungsspuren.

Der Steckstuhl fällt in dieser Prüfung durch. Begründungen, die in Diskussionen und Veranstaltungsordnungen immer wiederkehren:

  • Fehlende Beleglage für das europäische Mittelalter und die Wikingerzeit
  • Verwendung nicht heimischer Hölzer, insbesondere Mangoholz
  • Untypische Proportionen im Vergleich zu belegten mittelalterlichen Sitzhöhen
  • Reine Steckverbindung ohne historisches Äquivalent in der mittelalterlichen Holzverbindungstechnik
  • Moderne industrielle Bearbeitungsspuren, die in mittelalterlichen Möbeln nicht vorkommen

Die Konsequenzen reichen von der mündlichen oder schriftlichen Aufforderung zum Austausch des Möbels über die Verweigerung des Lagerzugangs bis hin – in seltenen Fällen, bei mehrfachem Verstoß gegen die Veranstaltungsordnung – zum Ausschluss von der Veranstaltung. Die genauen Modalitäten sind veranstaltungsspezifisch, das Grundprinzip der Kontrolle ist jedoch überregional gleich.

Was im Handel als Wikingerstuhl verkauft wird, ist ein Produkt des 20. Jahrhunderts ohne Befundlage – und im dokumentierten Reenactment ein vermeidbares Risiko.

Fazit: Vom Befund zum Fehlkauf

Die Bewertung folgt der gleichen Logik, die auch bei der Befundinterpretation auf der Grabungsfläche gilt: Was nicht im Befund auftaucht, existiert in der dokumentierten Sachkultur nicht. Der zweiteilige Steckstuhl taucht nicht auf. Weder in der Grabung, noch in der Bildquelle, noch in der überlieferten Holzverbindungstechnik. Die Vermarktung als „Wikingerstuhl" oder „Ritterstuhl" ist eine Behauptung ohne Beleg, gestützt auf ethnografische Vorbilder außerhalb des mittelalterlichen Untersuchungsraums.

Wer im Weserbergland und anderswo auf eine belegte Darstellung mittelalterlicher Lebenswelt setzt, findet mit Bank, Schemel und Klappstuhl dokumentierte Alternativen in vergleichbarer Preisklasse. Der Steckstuhl gehört in die Larp- und „Grobmittelalter"-Szene, in der historische Genauigkeit keine Kategorie ist – nicht in den Fundus eines Reenactors mit dokumentarischem Anspruch. Die Empfehlung ist eindeutig: kein Kauf ohne vorherige Prüfung der Beleglage. Der Fehlkauf droht, und er ist vermeidbar.

Häufige Fragen

Ist der Steckstuhl im Mittelalter oder in der Wikingerzeit belegt?
Nein. Für die Konstruktion gibt es weder einen archäologischen Fund noch eine zeitgenössische Bildquelle aus dem europäischen Mittelalter oder der Wikingerzeit.
Woher stammt die Bezeichnung „Wikingerstuhl“?
Die Bezeichnung ist eine moderne Zuschreibung des Marketings und keine quellenbasierte Klassifikation. Die Designgeschichte des zweiteiligen Steckstuhls in der europäischen Open-Air-Szene ist nicht lückenlos dokumentiert und wird vermutlich zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren verortet.
Warum gilt der Steckstuhl als unhistorisch?
Für ihn fehlen archäologische und ikonografische Belege, außerdem entspricht die reine Steckverbindung ohne Fixierung keiner dokumentierten mittelalterlichen Holzverbindungstechnik. Auch Material, Proportionen und industrielle Bearbeitung unterscheiden sich von belegten mittelalterlichen Sitzmöbeln.
Welche Sitzmöbel sind für ein historisch orientiertes Reenactment belegt?
Belegte Alternativen sind Bänke, dreibeinige oder vierbeinige Schemel mit Strebe, Hocker sowie Klappstühle mit X-Mechanik. Diese Möbeltypen sind durch Funde, Bildquellen oder beides dokumentiert.
Kann ein Steckstuhl auf einer Reenactment-Veranstaltung verboten werden?
Bei wissenschaftlich orientierten Veranstaltungen kann die Verwendung beanstandet werden. Je nach Veranstaltungsordnung reichen die Konsequenzen von der Aufforderung zum Austausch über die Verweigerung des Lagerzugangs bis zum Ausschluss.