Dachdeckung fürs Mittelalterhaus: Stroh, Schindeln oder Reet
Eine Dachdeckung wirkt im Gelände oft wie ein nebensächliches Detail: eine helle, weich auslaufende Fläche aus Stroh, dunkle Holzlagen über dem Fachwerk oder ein dicht gepacktes Reetdach.

Doch gerade am Dach lässt sich ablesen, wie eng eine mittelalterliche Rekonstruktion mit Landschaft, Handwerk und Nutzung zusammenhängt. Die Entscheidung für ein Material verändert nicht nur das Aussehen des Hauses. Sie bestimmt auch die Dachneigung, die Konstruktion, den Pflegeaufwand, den Brandschutz und den Eindruck, den ein Gebäude im Gelände hinterlässt.
Bei der Dachdeckung für ein Mittelalterhaus in der Rekonstruktion gibt es deshalb keine Lösung, die unabhängig von Ort und Bauaufgabe einfach als besonders authentisch gelten kann. Stroh, Reet und Holzschindeln gehören zu unterschiedlichen technischen und landschaftlichen Zusammenhängen. Entscheidend ist, ob eine konkrete historische Deckung belegt ist, welche Rohstoffe in der Region verfügbar waren und ob das rekonstruierte Gebäude als Museumsraum, Experimentierfeld oder dauerhaft zugängliches Besuchsgebäude genutzt wird.
Das Mittelalterhaus Nienover zeigt diese Abwägung besonders anschaulich. Das städtische Fachwerkhaus wurde im Maßstab 1:1 nach einem Vorbild aus der Zeit um 1230 rekonstruiert. Für die Eindeckung entschied man sich für Lärchenholzschindeln. Das bedeutet nicht, dass damit die ursprüngliche Deckung des historischen Gebäudes nachgewiesen wäre. Im Gegenteil: Für das Original ist keine exakte Dachdeckung belegt. Die Schindeln sind eine begründete Rekonstruktionsentscheidung – mit regionalem Bezug, handwerklicher Plausibilität und einem modernen Zugeständnis bei der Befestigung.
Das Dach beginnt mit dem Relief der Landschaft
Wer ein rekonstruiertes Mittelalterhaus betrachtet, sollte nicht nur auf die Fassade schauen. Die Dachfläche ist der größte sichtbare Bauteil des Gebäudes und reagiert unmittelbar auf die Umwelt. Niederschlag, Wind, Schatten, verfügbare Hölzer, Getreideanbau und die Nähe zu Feuchtgebieten beeinflussen, welche Deckung sinnvoll ist.
Eine historische Dachdeckung entsteht also nicht aus einer abstrakten Stilentscheidung. Sie ist Teil einer Flur- und Wirtschaftsgeschichte. Wo Getreide angebaut wurde, fiel Stroh als Nebenprodukt an. Wo geeignete Schilfbestände vorhanden waren, konnte Reet genutzt werden. In waldreichen Landschaften standen dagegen Holz und die dafür nötige Arbeitskraft im Vordergrund. Auch die soziale Stellung eines Hauses spielte eine Rolle: Ein repräsentativer Bau konnte mit einer aufwendigeren Deckung versehen sein als ein einfaches Wirtschaftsgebäude.
Im Weserbergland kommt noch die Topographie hinzu. Das Gelände ist nicht überall gleich: Flusstäler, feuchte Niederungen, bewaldete Höhen und offene Ackerflächen liegen dicht beieinander. Eine Rekonstruktion muss daher nicht nur fragen, was im Mittelalter grundsätzlich bekannt war, sondern auch, welche Lösung am konkreten Ort plausibel erscheint.
Eine historische Dachdeckung ist kein aufgesetztes Bildmotiv. Sie ist ein Relikt der Landschaft, ihrer Rohstoffe und der Arbeit, die in jedem einzelnen Dach steckt.
Bei einer Führung lässt sich diese Verbindung gut am Übergang zwischen Dach und Hauskörper erklären. Ein steiles Dach verweist nicht automatisch auf einen bestimmten Haustyp. Es kann zunächst eine technische Antwort auf eine weiche, wasserempfindliche Deckung sein. Eine schwere Eindeckung verlangt wiederum eine andere Tragstruktur als leichtes Stroh. Die Dachform ist deshalb nicht bloß Gestaltung, sondern ein sichtbarer Teil der Bauphysik.
Stroh: leicht, verfügbar und pflegeabhängig
Stroh gehört zu den naheliegendsten Materialien für eine historische Dachdeckung. Es fiel bei der Verarbeitung von Getreide an und konnte, abhängig von Qualität und örtlichen Bedingungen, mit vergleichsweise einfachen Mitteln auf dem Dach befestigt werden. Für eine Rekonstruktion wirkt ein Strohdach häufig besonders unmittelbar: Die Oberfläche ist unregelmäßig, die Halme bleiben als Material erkennbar, und das Gebäude erhält eine starke Verbindung zur bäuerlichen Alltagskultur.
Technisch verlangt ein Weichdach aus Stroh eine deutlich steile Dachneigung. Im Mittelalter lag diese bei mindestens etwa 45 Grad, damit Regenwasser rasch ablaufen konnte. Das ist ein entscheidender Punkt: Wer ein historisches Strohdach nachbildet, kann nicht einfach eine beliebige Dachform mit Stroh belegen. Die Dachgeometrie, die Sparrenlage und der Abschluss an First und Ortgang müssen zur Deckung passen.
Stroh hat zudem den Vorteil des geringen Eigengewichts. Dadurch kann die Dachkonstruktion leichter ausfallen als bei einer schweren Ziegel- oder Steinbedeckung. Gleichzeitig bietet die kompakte Schicht einen brauchbaren Feuchte- und Wärmeschutz. Diese Eigenschaften erklären, weshalb Weichdächer in vielen Regionen eine praktische Lösung sein konnten.
Die Schwäche liegt in der Pflege. Ein Strohdach ist kein Bauteil, das nach dem Aufbringen dauerhaft sich selbst überlassen werden kann. Feuchtigkeit, Verschattung, Bewuchs und mechanische Belastungen wirken auf die Halmschicht ein. Die tatsächliche Lebensdauer hängt von Materialqualität, Dachneigung, Ausführung, Klima und Pflege ab. Für historische Strohdächer im Solling des 13. Jahrhunderts lässt sich daraus keine exakte Haltbarkeitszahl ableiten. Gerade diese Ungewissheit sollte eine Rekonstruktion offen benennen, statt moderne Erfahrungswerte rückwirkend als mittelalterliche Tatsache auszugeben.
Für ein Museumsdorf oder ein Gebäude mit regelmäßigem Publikumsverkehr bedeutet ein Strohdach außerdem einen erhöhten organisatorischen Aufwand. Reparaturen müssen sichtbar geplant werden, und der Brandschutz ist ein eigener Teil des Gesamtkonzepts. Das macht Stroh nicht unhistorisch. Es zeigt vielmehr, dass lebendige Geschichte immer auch mit den Bedingungen der Gegenwart umgehen muss.
Reet: ähnlich in der Wirkung, anders im Landschaftsbezug
Reet wird im Alltag gelegentlich zusammen mit Stroh genannt, obwohl es sich um ein anderes Material handelt. Reet stammt vom Schilf und wächst vor allem in feuchten Bereichen, an Gewässern und in geeigneten Niederungen. Schon die Rohstoffbasis verändert daher den regionalen Zusammenhang eines Reetdaches.
Auch Reet gehört zur Gruppe der Weichdächer und benötigt eine steile Dachneigung. Die schnelle Ableitung von Regenwasser ist für die Haltbarkeit wesentlich. Eine dichte, sauber gearbeitete Reetschicht kann das Gebäude gegen Niederschlag und Temperaturschwankungen schützen. Die charakteristische Oberfläche altert anders als Stroh: Sie kann sich farblich verändern, an den Kanten ausdünnen und unter dem Einfluss von Wetter und Schatten unterschiedlich stark beansprucht werden.
Für eine Rekonstruktion ist die Frage nach dem vorhandenen Schilfbestand deshalb nicht nebensächlich. Eine historische Dachdeckung aus Reet wäre dort besonders plausibel, wo die Landschaft den Rohstoff tatsächlich bereitstellt und eine entsprechende Nutzung nachweisbar oder zumindest nachvollziehbar ist. Ohne diesen Raumbezug bleibt Reet schnell eine dekorative Vorstellung vom Mittelalter.
Hinzu kommt die Frage nach dem Gebäudetyp. Reet kann zu bestimmten Hausformen und regionalen Bautraditionen sehr überzeugend passen, ist aber nicht automatisch die passendere Lösung, nur weil es im heutigen Museumsbereich eindrucksvoll wirkt. Bei einem städtischen Fachwerkhaus wie dem Mittelalterhaus Nienover muss die Dachdeckung mit der Baugeschichte des konkreten Vorbilds zusammengebracht werden. Für das historische Original ist die genaue Deckung nicht belegt. Deshalb wäre es falsch, eine bestimmte Weichdachlösung als gesicherte mittelalterliche Tatsache auszugeben.
Reet und Stroh lassen sich in der Betrachtung dennoch sinnvoll gegenüberstellen:
| Merkmal | Stroh | Reet |
|---|---|---|
| Rohstoff | Getreidestroh aus der Landwirtschaft | Schilf aus geeigneten Feucht- und Uferbereichen |
| Konstruktive Voraussetzung | Steile Dachneigung, im Mittelalter mindestens etwa 45 Grad | Ebenfalls steile Dachneigung für zügigen Wasserablauf |
| Gewicht | vergleichsweise leicht | vergleichsweise leicht, abhängig von Ausführung und Schichtdicke |
| Landschaftsbezug | Ackerbau und Getreideverarbeitung | Feuchtgebiete, Gewässer und Schilfbestände |
| Wirkung am rekonstruierten Gebäude | weich, handwerklich, stark mit bäuerlicher Nutzung verbunden | markante, geschlossene Dachfläche mit eigenem regionalem Charakter |
| Pflege | regelmäßige Kontrolle und Reparatur der Halmschicht | ebenfalls pflegeabhängig; Kanten und feuchte Lagen sind besonders empfindlich |
| Historische Aussagekraft | nur mit passendem regionalem und baugeschichtlichem Bezug | nicht pauschal auf jedes Mittelalterhaus übertragbar |
Die Tabelle ersetzt keinen Befund. Sie hilft nur, die Richtung der Entscheidung sichtbar zu machen: Material, Landschaft und Hausform müssen zusammenpassen.
Holzschindeln: ein Dach aus Relikten der Waldlandschaft
Holzschindeln verändern den Charakter eines Hauses deutlich. Statt einer weichen, zusammenhängenden Halmfläche entsteht ein Dach aus vielen einzelnen Elementen. Jede Schindel ist klein, doch in der Fläche bildet sich ein regelmäßiges, geschichtetes Muster. Aus der Nähe erkennt man die Überdeckung; aus der Entfernung erscheint das Dach als dunkle, ruhige Fläche.
Für den historischen Holzbau ist diese Struktur besonders interessant, weil sie unmittelbar mit der Bearbeitung des Materials verbunden bleibt. Holzschindeln müssen gespalten oder zugerichtet, sortiert und lagenweise verlegt werden. Die Deckung ist damit nicht nur ein Produkt des Waldes, sondern auch des Handwerks. Holzart, Faserverlauf, Schindelform und Verlegeweise beeinflussen die Haltbarkeit.
Die Lebensdauer eines Schindeldaches kann – etwa bei Fichtenholz und passenden Bedingungen – ungefähr 30 bis 50 Jahre betragen. Das ist jedoch kein fester Wert für jedes historische Dach. Sonneneinstrahlung, Feuchtigkeit, Belüftung, Dachneigung und die Qualität der Schindeln verändern die Beanspruchung. Ein Dach in dauerhaftem Schatten altert anders als eines auf einer frei stehenden Hofstelle. Auch der Bereich am First, an Traufe und Ortgang verlangt besondere Aufmerksamkeit.
Für das Mittelalterhaus Nienover wurden Lärchenholzschindeln gewählt. Eichenholzschindeln wären teurer gewesen; außerdem ist die Schindeldeckung für das ursprüngliche Haus nicht als historische Originaldeckung belegt. Die Entscheidung verbindet somit mehrere Ebenen: die gewünschte Nähe zu einem plausiblen historischen Holzbau, die Materialeigenschaften und die praktische Umsetzbarkeit eines öffentlich genutzten Gebäudes.
Gerade die Lärche macht sichtbar, wie Rekonstruktion in der Praxis funktioniert. Eine historische Bauweise wird nicht zwangsläufig mit exakt jedem historischen Material reproduziert. Manchmal muss zwischen Verfügbarkeit, Kosten, Dauerhaftigkeit und denkmalpflegerischer Aussage vermittelt werden. Das ist kein Mangel, solange der Kompromiss transparent bleibt.
Auch bei der Befestigung wurde in Nienover ein solcher Kompromiss eingegangen. Verwendet wurden moderne Metallstifte, um die Haltbarkeit zu erhöhen, und nicht ausschließlich historische Holz- oder Eisennägel. Das Dach sieht dadurch nicht weniger nach historischem Holzbau aus. Aber seine Herstellung gehört teilweise in die Gegenwart. Wer eine Rekonstruktion betrachtet, sollte beide Ebenen auseinanderhalten: die historische Form und die moderne Sicherung des Bauteils.
Authentizität liegt nicht darin, jeden modernen Eingriff zu verbergen. Sie liegt darin, die historische Aussage und den notwendigen Kompromiss sauber voneinander zu unterscheiden.
Das Mittelalterhaus Nienover als Beispiel einer begründeten Entscheidung
Das Mittelalterhaus Nienover ist ein städtisches Fachwerkhaus aus der Zeit um 1230. Die Rekonstruktion wurde nicht als bloße Kulisse errichtet, sondern als begehbares Modell eines historischen Gebäudes. Damit muss die Dachdeckung mehrere Aufgaben zugleich erfüllen: Sie soll die Form des Hauses verständlich machen, handwerkliche Zusammenhänge zeigen, dem Wetter standhalten und den Besuchern einen sicheren Zugang ermöglichen.
Die zeitliche Abfolge der Bauarbeiten macht diesen praktischen Charakter deutlich. Die Richtarbeiten begannen am 18. Juli 2007. Am 19. Oktober 2007 wurde Richtfest gefeiert; im selben Monat war die Dacheindeckung fertiggestellt. Die Endabnahme der Zimmerarbeiten erfolgte am 28. Februar 2008, im Mai 2008 öffnete das Haus für Besucher.
Diese Daten erzählen nicht nur eine Bauchronik. Sie zeigen, dass eine Rekonstruktion aus aufeinander abgestimmten Arbeitsschritten besteht. Erst muss das Tragwerk stehen, dann kann die Deckung ihre Schutzfunktion übernehmen. Für das Verständnis des Gebäudes ist das wichtig: Das Dach ist kein abschließendes Bilddetail, sondern ein konstruktiver Teil des Hauses, der mit dem Holzbau und der Nutzung zusammen gedacht werden muss.
Bei einer Dachdeckung für ein Mittelalterhaus in der Rekonstruktion sollte man daher vier Ebenen auseinanderhalten:
1. Der archäologische Befund: Gibt es konkrete Hinweise auf Material oder Konstruktion des historischen Daches? Bei Nienover ist die ursprüngliche Deckung nicht exakt belegt.
2. Die regionale Plausibilität: Passt der Rohstoff zur Landschaft? Stroh verweist eher auf Ackerbau, Reet auf Feuchtgebiete, Holzschindeln auf Waldressourcen und entsprechende Verarbeitung.
3. Die bautechnische Eignung: Stimmen Dachneigung, Tragwerk, Wasserführung und Anschlüsse mit dem gewählten Material überein?
4. Die heutige Nutzung: Muss das Gebäude regelmäßig zugänglich sein, hohen Sicherheitsanforderungen genügen und mit vertretbarem Aufwand instand gehalten werden?
Diese Ebenen können zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Ein Material kann historisch grundsätzlich bekannt, am konkreten Ort aber nicht besonders wahrscheinlich sein. Eine Deckung kann regional überzeugend wirken, für die Besucheröffnung jedoch einen hohen Pflege- oder Brandschutzaufwand verursachen. Die beste Lösung ist deshalb nicht immer die scheinbar ursprünglichste, sondern die am besten begründete.
Was Besucher am Dach tatsächlich ablesen können
Die Oberfläche eines Daches lässt sich wie eine kleine Geländekarte lesen. Bei Schindeln sollte der Blick auf die Schichtung und die Linien der Überdeckung fallen. Man erkennt, wie viele einzelne Elemente nötig sind, um eine wasserführende Fläche herzustellen. An Traufe und Ortgang wird sichtbar, dass die Randbereiche nicht einfach das Ende der Dachfläche bilden, sondern besonders sorgfältig gearbeitet werden müssen.
Bei Stroh und Reet fällt dagegen die Materialstärke stärker ins Auge. Die Dachkante wirkt weich und körperhaft. Unebenheiten sind nicht automatisch Fehler; sie können aus dem Naturmaterial, der Bindung und der handwerklichen Verarbeitung entstehen. Gleichzeitig sind Veränderungen an der Oberfläche ernst zu nehmen. Dunkle Stellen, vermooste Bereiche oder ausgedünnte Kanten können auf Feuchte und Alterung hinweisen, ohne dass sich daraus allein eine genaue Schadensdiagnose ableiten lässt.
Auch die Einbindung des Daches in das Gelände ist aufschlussreich. Ein steiles Weichdach verändert die Silhouette des Hauses stärker als eine flachere Schindeldeckung. Je nach Standort wirkt es aus der Ferne zunächst wie eine geschlossene Dachlandschaft und verdeckt Teile des Fachwerks. Holzschindeln zeichnen dagegen die Kontur des Baukörpers oft schärfer nach. Die Wahl der Deckung beeinflusst also auch, wie das Gebäude im Museumsdorf oder in der offenen Landschaft erscheint.
Wer mit Kindern oder Gruppen unterwegs ist, kann die Beobachtung in einfache Fragen übersetzen:
- Welche Rohstoffe liegen in der Umgebung des Hauses nahe?
- Ist die Dachfläche weich und faserig oder aus vielen festen Elementen aufgebaut?
- Wie steil ist das Dach, und welche technische Notwendigkeit könnte dahinterstehen?
- Wo sind die Kanten besonders sorgfältig ausgeführt?
- Welche Teile wirken historisch gestaltet, welche dienen sichtbar der modernen Sicherung?
- Passt die Dachdeckung zum Haus oder erzählt sie vielleicht eine andere regionale Baugeschichte?
Solche Fragen führen weg vom schnellen Urteil, eine Rekonstruktion sei entweder echt oder unecht. Sie lenken den Blick auf die Entscheidungen, die in jedem Bauteil stecken.
Experimentelle Archäologie braucht sichtbare Grenzen
Die Rekonstruktion eines mittelalterlichen Daches kann Teil der experimentellen Archäologie sein, wenn historische Materialien und Verfahren praktisch erprobt, dokumentiert und mit den Befunden verglichen werden. Doch nicht jede Rekonstruktion ist automatisch ein Experiment. Ein Gebäude kann auch als anschauliches Modell dienen, ohne eine vollständige historische Herstellungskette zu behaupten.
Bei der Dachdeckung ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Eine Schindel kann in historischer Form verlegt sein, aber mit modernen Metallstiften befestigt werden. Ein Strohdach kann die historische Wirkung und wesentliche bauphysikalische Eigenschaften vermitteln, während Pflege, Brandschutz und Besucherbetrieb modernen Regeln folgen. Eine solche Lösung ist nicht wertlos. Sie muss nur korrekt beschrieben werden.
Für Besucher entsteht dadurch sogar ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn. Man kann am Beispiel des Daches erklären, warum historische Rekonstruktion nie ausschließlich aus dem Nachbauen einer Oberfläche besteht. Sie verbindet Quellenkritik, Materialkunde, Baupraxis und heutige Verantwortung. Das Haus wird dadurch nicht weniger anschaulich, sondern verständlicher.
Eine gute Vermittlung benennt deshalb auch das Nichtwissen. Für das historische Vorbild des Mittelalterhauses Nienover ist nicht bekannt, welche Dachdeckung es im 13. Jahrhundert exakt trug. Diese offene Stelle lässt sich nicht durch eine eindrucksvolle Behauptung schließen. Sie gehört zur Geschichte des Gebäudes ebenso wie das, was belegt ist.
Das ist gerade für die Lebendige Geschichte im Weserbergland wichtig. Reenactment und Museumsdorf können historische Lebenswelten greifbar machen, dürfen aber die Grenze zwischen Befund, plausibler Annahme und moderner Rekonstruktionsentscheidung nicht verwischen. Das Dach ist dafür ein gutes Lehrstück, weil seine Materialität unmittelbar sichtbar bleibt.
Welche Deckung zu welcher Rekonstruktion passt
Die Entscheidung lässt sich als Orientierung zusammenfassen, ohne daraus ein starres Rezept zu machen:
| Rekonstruktionssituation | Naheliegende Überlegung | Mögliche Schwierigkeit |
|---|---|---|
| Ländliches Haus in einer Ackerbaulandschaft | Stroh kann den Zusammenhang von Getreideanbau und Hausbau zeigen | Pflege, Feuchte und Brandschutz verlangen ein klares Betriebskonzept |
| Gebäude in einer feuchten Niederung mit Schilfbezug | Reet kann den regionalen Rohstoffkreislauf sichtbar machen | Der Landschaftsbezug muss tatsächlich passen; Reet ist kein allgemeines Mittelaltermotiv |
| Städtisches Fachwerkhaus mit Bezug zum Holzhandwerk | Holzschindeln machen Waldressourcen und Zimmermannsarbeit anschaulich | Die historische Originaldeckung kann unklar sein; Material und Befestigung müssen offengelegt werden |
| Öffentlich zugängliches Museumsgebäude | Dauerhaftigkeit, Sicherheit und Reparaturfähigkeit erhalten großes Gewicht | Moderne Sicherungen können von historischen Verfahren abweichen |
| Rekonstruktion mit starkem Experimentieranspruch | Material und Arbeitsschritte sollten möglichst genau dokumentiert werden | Ein einzelner Bauversuch beweist noch keine allgemeine mittelalterliche Praxis |
Am Ende steht keine Rangliste. Stroh ist nicht grundsätzlich mittelalterlicher als Schindeln. Reet ist nicht automatisch authentischer, nur weil es heute mit historischen Häusern verbunden wird. Und Holzschindeln sind nicht deshalb falsch, weil moderne Befestigungsmittel eingesetzt wurden. Die Aussagekraft entsteht aus der Begründung und aus der Offenheit, mit der die Entscheidung vermittelt wird.
Der Blick auf die unscheinbaren Details
Ein Dach wird oft erst dann interessant, wenn man nicht mehr nur seine Farbe und Form betrachtet. Die Materialkante, der Rhythmus der Schindeln, die Neigung, die Schatten unter dem Überstand und die Verbindung zum Fachwerk erzählen von Arbeit und Ressourcen. Selbst eine moderne Befestigung kann zur historischen Frage führen: Welche Funktion hatte der Nagel, welche Kräfte mussten aufgenommen werden, welche Haltbarkeit wird heute erwartet?
Im Gelände lohnt es sich, den eigenen Standpunkt zu verändern. Aus der Ferne zeigt sich die Wirkung der Dachdeckung im Ortsbild. Von der Traufseite werden Schichtungen und Materialstärken lesbar. An den Giebeln erkennt man, wie die Dachfläche den Baukörper fasst. Im Innenraum lässt sich schließlich nachvollziehen, wie stark die Deckung die Konstruktion und die Lichtverhältnisse beeinflusst.
So wird aus der Frage Stroh, Schindeln oder Reet eine umfassendere Betrachtung des mittelalterlichen Bauens. Die Dachdeckung verbindet den Acker mit dem Haus, den Wald mit dem Handwerk und die historische Überlieferung mit den Anforderungen eines heutigen Museumsbetriebs.
Für das Mittelalterhaus Nienover bedeutet das: Die Lärchenholzschindeln sind keine letztgültige Antwort auf die unbekannte Originaldeckung. Sie sind eine nachvollziehbare Rekonstruktionsentscheidung für ein städtisches Fachwerkhaus um 1230 – einschließlich des modernen Kompromisses bei der Befestigung. Gerade dadurch lässt sich an diesem Dach zeigen, wie historische Genauigkeit und heutige Baupraxis miteinander ausgehandelt werden.
Wer künftig an einem rekonstruierten Haus vorbeikommt, sollte deshalb nicht zuerst fragen, ob das Dach alt aussieht. Besser ist die Frage, welche Landschaft, welches Handwerk und welche Entscheidung darin sichtbar werden. Die Geschichte liegt nicht nur im Fachwerk. Sie beginnt bereits auf der obersten Schicht – dort, wo Regen abläuft, Holz verwittert und aus einem unscheinbaren Dachrelikt ein Stück mittelalterlicher Lebenswelt lesbar wird.