Mittelalterhaus Nienover: Wege zur aktiven Belebung
Wer am Rand von Bodenfelde in der Schinkeltriftstraße vor dem Haus steht, blickt auf ein Fachwerkhaus, das in die Landschaft des Weserberglandes gehört, als hätte es dort immer schon gestanden. Das täuscht.

Die Eichenbalken, die das Gerüst tragen, wurden erst im Winter 2006/2007 in den Niedersächsischen Landesforsten geschlagen; das Haus wurde am 18. Juli 2007 aufgerichtet, am 19. Oktober 2007 gerichtet, am 28. Februar 2008 endabgenommen. Was hier steht, ist keine historische Reliquie und kein Museumsbau – es ist eine 1:1-Rekonstruktion eines städtischen Fachwerkhauses aus der Zeit um 1230, errichtet auf Grundlage archäologischer Befunde aus einer Stadtwüstung, die heute im Boden verschwunden ist: Nienover. Diese Rekonstruktion lebt davon, dass Menschen sie füllen. Wer das Haus betreten will, kann es auf zweierlei Weise tun: als Besucher an einem belebten Wochenende zwischen 11:00 und 17:00 Uhr – oder als Darstellergruppe, die das Gebäude mit dem Alltag des 13. Jahrhunderts füllt. Dieser zweite Weg ist das Thema des folgenden Textes.
Wissenschaftliche Basis: Die Rekonstruktion eines Fachwerkhauses um 1230
Die Geschichte des Mittelalterhauses beginnt nicht im Wald bei Bodenfelde, sondern in der Archäologie. Die mittelalterliche Stadt Nienover, einst an der Weser gelegen, verfiel über die Jahrhunderte zur Wüstung. Heute zeichnen sich ihre Lage und ihre Grundrisse allenfalls noch als flache Bodenwellen, verschwundene Flurformen und vereinzelte Bodendenkmale im Gelände ab – Spuren, die der aufmerksame Spaziergänger durchaus entdecken kann, wenn er einmal um das Haus herumgeht. Über Jahre hinweg haben Archäologinnen und Archäologen diese Reste freigelegt: Pfostenstellungen, Mauerzüge, Fundamente, handwerkliche Abfälle, Keramik- und Metallfunde, die zusammengenommen ein Bild davon zeichnen, wie eine städtische Siedlung um 1230 an dieser Stelle ausgesehen haben könnte.
Aus diesem Befundmaterial entwickelte der Bauhistoriker Dr. Hubertus Michels eine Konstruktionsplanung, die sich konsequent an den Techniken des 13. Jahrhunderts orientiert: zimmermannsmäßige Fachwerkverbände ohne moderne Verbindungselemente in den tragenden Bauteilen, Eichenholz in den Schwellen und Ständern, Lehm in den Gefachen, Holzschindeln auf dem Dach. Das Haus ist deshalb kein Anschauungsobjekt, das ein mittelalterliches Gebäude darstellt – es ist ein Gebäude, das nach mittelalterlicher Methode gebaut wurde. Wer den Spuren im Boden folgt und dann vor dem Haus steht, kann den Übersetzungsschritt vom archäologischen Befund zum begehbaren Bau unmittelbar nachvollziehen.
Wer in Nienover vor dem Haus steht, blickt nicht auf eine Nachbildung. Er blickt auf eine archäologische Übersetzung in Holz und Lehm – und auf die Frage, wie viel Mittelalter ein Neubau überhaupt zurückgewinnen kann.
Experimentelle Archäologie: Herausforderungen bei Material und Bauweise
Eine Rekonstruktion, die ihre eigenen Materialien ernst nimmt, wird unweigerlich zum Experiment. Die Entscheidung, frisch geschlagenes Eichenholz aus den Landesforsten zu verwenden, brachte das Projekt in genau jene Lernphase, die für die experimentelle Archäologie kennzeichnend ist: Das Holz arbeitete nach dem Aufrichten weiter, Risse und Verwerfungen traten auf, und durch die fehlende Vortrocknung kam es sogar zu Pilzbefall. Historische Bauteile haben diese Setzungsphase über Jahrhunderte durchlaufen; das Haus in Nienover durchlief sie innerhalb weniger Jahre – sichtbar für jeden Besucher an den Rissen in den Schwellbalken und an den Stellen, an denen das Team inzwischen nachgebessert hat.
Zugleich mussten Kompromisse Eingang in den Bau finden, die das Projektteam offen benennt. Sie sind kein Versagen, sondern Teil der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Original:
| Aspekt | Mittelalterliche Praxis um 1230 | Lösung in Nienover |
|---|---|---|
| Dachschindeln | Eichenholzschindeln | Lärchenholzschindeln (Kosten) |
| Schindelbefestigung | Holznägel | Moderne Metallstifte |
| Dachentwässerung | Regenrinnen üblich | Bewusst weggelassen |
| Blitzschutz | Nicht zeitgenössisch | Bewusst weggelassen |
Gerade der Verzicht auf Regenrinnen und Blitzableiter ist keine Sparmaßnahme, sondern ein bewusster Authentizitätsentscheid. Das Regenwasser läuft am Schwellbalken herab, was wiederum neue Pflegezyklen am Holz nötig macht – ein zweiter Lerneffekt, der den laufenden Unterhalt des Hauses prägt und in jedem Belebungsjahr sichtbar wird.
Die Gefache des Hauses wurden ab September 2007 mit Flechtwerk gefüllt und mit Lehm verputzt. Welches Mischungsverhältnis aus Lehm, Stroh und Wasser für Wände und Fußböden das richtige war, musste das Team experimentell ermitteln – eine Frage, deren Antwort sich nicht aus historischen Quellen ablesen lässt, sondern nur durch wiederholtes Ausprobieren finden ließ. Im Mai 2008 öffnete das Mittelalterhaus für Besucher.
Lebendige Geschichte: Alltag und Handwerk im Nienover-Projekt
Was das Haus von einem reinen Rekonstruktionsbau unterscheidet, ist seine Belebung. An bestimmten Wochenenden im Jahr füllen Living-History-Gruppen das Gebäude und sein Außengelände mit den Geräuschen, Gerüchen und Arbeitsgängen des 13. Jahrhunderts. Sie kochen auf offenem Feuer, backen im Lehmbackofen, schnitzen Knochen, spinnen und weben, färben Stoffe mit heimischen Pflanzen – alles Tätigkeiten, die zum Alltag einer städtischen Handwerkersiedlung um 1230 gehört haben müssen.
Über die Jahre haben Gruppen wie „Das Rudel e.V.", „Vuozvolc" oder „Viatores Medievalium" das Haus belebt. Jede dieser Gruppen bringt ihre eigene Interpretation des Mittelalters mit, aber alle eint der Anspruch, das 13. Jahrhundert nicht zu spielen, sondern nachvollziehbar darzustellen. Werkzeuge, Materialien, Kochtechniken und Textilverarbeitung orientieren sich am Stand der Forschung. Was Besucher sehen, ist deshalb kein Schauspiel, sondern eine ernst gemeinte Probe auf die Lebenswirklichkeit der Epoche.
Die Spanne der gezeigten Handwerke umfasst unter anderem:
- Kochen auf offener Feuerstelle im Inneren des Hauses
- Backen im Lehmbackofen auf dem Außengelände
- Knochenschnitzen mit historischen Werkzeugen
- Spinnen am Spinnrad und an der Handspindel
- Weben am aufrechten Webstuhl
- Pflanzenfärben mit heimischen Farbstoffen wie Waid, Reseda oder Walnuss
Eine Rekonstruktion ohne Belebung bleibt lehrreich. Erst die Living History macht sie zu einem Ort, an dem das 13. Jahrhundert als Lebensform erfahrbar wird.
Bewerbungsprozess: Der Weg zur eigenen Belebung
Wer selbst eine Mittelaltergruppe leitet und das Haus beleben möchte, steht vor einem klar geregelten, aber bewusst niedrigschwelligen Bewerbungsweg. Wer hier darstellt, repräsentiert ein wissenschaftlich begleitetes Projekt – und genau das macht die Auswahl streng, ohne sie bürokratisch zu machen.
Die Bewerbung umfasst drei Bausteine:
1. Ein Gruppenfoto, das die optische Wirkung der Darstellerinnen und Darsteller zeigt.
2. Eine kurze Beschreibung der Gruppe, ihres Konzepts und der Handwerke, die sie darstellen möchten.
3. Ein Wunschtermin für das Belebungswochenende.
Diese Unterlagen richten Sie an Sina Wiedermann aus der Regionalentwicklung, Klimaschutz und Tourismus des Landkreises Northeim (Telefon 05551 708-81795). Die Auswahl der Gruppen folgt einem festen Kriterium: Passt die vorgeschlagene Darstellung nicht zum historischen Kontext des Hauses, wird sie nicht berücksichtigt. Dies ist kein Misstrauen gegenüber den Aktiven – es ist die Voraussetzung dafür, dass Besucher einen glaubwürdigen Eindruck vom Mittelalter erhalten und nicht in eine Mischung aus Fantasy und mittelalterlicher Sachkultur geraten. Reenactment-Gruppen, die im Weserbergland ohnehin aktiv sind, sollten ihre gewohnten Quellen für historische Werkstoffe und Techniken mitbringen; das Haus liefert den Rahmen, nicht die fertige Inszenierung.
Anreisetipp für die Navigation: 37194 Bodenfelde, Schinkeltriftstraße. Wer mit schwerem Material und Ausrüstung anreist, sollte vorab klären, welche Stellflächen rund um das Haus genutzt werden können und wie die Anlieferung über die schmale Zufahrt funktioniert – gerade für Lehmbacköfen und Brennholz ist die logistische Vorbereitung entscheidend.
Besucherinformationen: Authentizität und Zugang zum Gelände
Wer das Haus besuchen will, ohne selbst darzustellen, sollte den Veranstaltungskalender im Blick behalten. An belebten Wochenenden ist das Gelände zwischen 11:00 und 17:00 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Führungen, besondere Veranstaltungen und Schulprogramme sind in der Regel kostenpflichtig – wer eine Gruppe anmeldet, sollte den Preis vorab erfragen und keine implizite Kostenfreiheit voraussetzen.
Die wissenschaftliche und redaktionelle Betreuung des Projekts liegt bei Dr. Petra Lönne von der Unteren Denkmalschutzbehörde und Kreisarchäologie des Landkreises Northeim. Sie ist auch für die Pflege des Webauftritts zuständig (Telefon 05551 708-81156).
| Anliegen | Kontakt und Regelung |
|---|---|
| Belebungs-Wochenende besuchen | 11:00 – 17:00 Uhr, Eintritt frei, Spenden willkommen |
| Führung, Schulprogramm, Veranstaltung | In der Regel kostenpflichtig, Preise vorab klären |
| Belebung als Gruppe beantragen | Sina Wiedermann, 05551 708-81795 |
| Wissenschaftliche Fragen | Dr. Petra Lönne, 05551 708-81156 |
| Anfahrt | 37194 Bodenfelde, Schinkeltriftstraße |
Ein Blick, der Spuren zusammensetzt
Das Mittelalterhaus Nienover ist mehr als ein Gebäude. Es ist ein Versuch, das 13. Jahrhundert nicht in Vitrinen, sondern im Boden einer verschwundenen Stadt zu verankern – dort, wo sich dem aufmerksamen Auge heute noch flache Bodenwellen, verschwundene Flurformen und vereinzelte Bodendenkmale als Reste der einstigen Siedlung zeigen. Wer mitmachen will, muss keine Reenactment-Erfahrung aus den Geschichtsbüchern mitbringen, sondern Lust darauf, eine Vorstellung von dieser Epoche mit eigenen Händen wieder sichtbar zu machen. Nehmen Sie die Schinkeltriftstraße als Wegweiser – und dann Ihren Blick für das, was im Gelände um das Haus herum noch zu sehen ist und sich mit dem Bau zu einem Bild des 13. Jahrhunderts zusammensetzt.