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Geschichte im Weserbergland neu freigelegt

Mittelalter & Rekonstruktion

Pfostenschutz beim Grubenhaus: Ankohlen oder Holzteer?

Knien Sie sich einmal an den Rand einer Rekonstruktion wie dem Mittelalterhaus Nienover und schauen Sie den Eichenpfosten ganz unten an, dort, wo er in der Erde verschwindet.

Pfostenschutz beim Grubenhaus: Ankohlen oder Holzteer?

Sie werden eine schmale, fast schwarze Zone bemerken, die sich deutlich vom helleren Holz oberhalb absetzt. Dieses dunkle Band ist keine Patina und kein Schmutz – es ist die sichtbare Spur eines uralten Eingriffs. Der Pfosten wurde angekohlt, bevor er in den Boden kam.

Diese kleine Beobachtung am rekonstruierten Bau öffnet ein Kapitel Handwerk, das in der experimentellen Archäologie seit Jahren intensiv diskutiert wird: Wie haben Menschen im Mittelalter – und weit davor – ihre erdberührten Hölzer geschützt, damit ein Grubenhaus oder ein Ständerbau die Jahrzehnte überdauert, die ein Menschenleben umfassen? Zwei Verfahren stehen im Zentrum: das oberflächliche Ankohlen und das Bestreichen mit Holzteer. Wir gehen beide Spur für Spur nach, vergleichen ihre Wirkungsweise und fragen am Ende, was eine ernsthafte Rekonstruktion im Weserbergland tatsächlich braucht.

Die Technik des Ankohlens: Spuren einer uralten Pyrolyse

Das Ankohlen ist die älteste nachgewiesene Methode zum Schutz erdberührter Bauteile. Archäologische Funde zeigen, dass Menschen bereits um etwa 5.000 v. Chr. – also Jahrtausende vor dem Mittelalter – Hölzer an ihren empfindlichen Stellen kontrolliert verbrannten. Was dabei geschieht, lässt sich im Gelände und am rekonstruierten Pfosten gut beobachten: Die Holzoberfläche wird angebrannt, bis sie sich dunkel verfärbt, und unmittelbar danach mit Wasser abgelöscht.

Im Inneren dieser nur wenige Millimeter starken Schicht laufen pyrolytische Reaktionen ab. Zellulose und Lignin werden thermisch zersetzt, es entstehen teerartige Substanzen, die in das Porensystem eingelagert werden. Genau diese Einlagerungen verändern den Charakter der Oberfläche: Sie wirkt fungizid, also hemmend auf holzzerstörende Pilze, und gleichzeitig wasserabweisend. Das Wasser, das im Pfostenloch von unten aufsteigt, perlt an einer gut verkohlten Zone buchstäblich ab.

Ankohlen ist kein dekoratives Anbrennen – es ist eine gezielte Pyrolyse, die die Holzoberfläche in eine dauerhafte Schutzschicht verwandelt.

In der experimentellen Archäologie wird das Verfahren bis heute gepflegt, etwa beim Bau von Grubenhaus-Rekonstruktionen oder beim Aufstellen von Zaunpfählen auf Feuchtwiesen. Die Handgriffe sind einfach, die Wirkung ist mit bloßem Auge sichtbar, und genau diese Sichtbarkeit macht das Ankohlen für die Rekonstruktion so attraktiv: Der dunkle Ring am Pfostenfuß erzählt dem Besucher die Geschichte des Holzschutzes, ohne dass ein Schild daneben stehen muss.

Nadelholzteer: Ein Anstrich, der ins Holz kriecht

Wer heute auf einem mittelalterlichen Markt über den Stand eines Pechsieders geht, riecht ihn zuerst: jenen schweren, dunklen, fast harzigen Duft, der sich erst nach Tagen wieder aus der Kleidung verzieht. Genau dieses Produkt – Holzteer, genauer: Nadelholzteer aus Kiefernholz – ist die zweite große Methode im erdberührten Holzschutz. Seine Herstellung ist Pyrolyse im Großen: In einem geschlossenen Meiler oder einer Teergrube wird Kiefernholz unter Luftabschluss verschwelt, der entweichende Rauch kondensiert, und am Ende tropft eine zähflüssige, tiefbraune Masse in die Auffanggefäße.

Was diesen Teer so wirksam macht, sind seine rein pflanzlichen, nicht wasserlöslichen organischen Substanzen. Sie dringen tief in das Holz ein – deutlich tiefer, als eine aufgekohlte Schicht reicht – und füllen die Kapillaren des Holzkörpers von außen nach innen. Ein Eichenpfosten, der rundum mit Nadelholzteer behandelt wird, ist gegen aufsteigende Feuchtigkeit und gegen den Befall durch Fäulnispilze deutlich besser gewappnet als ein nur oberflächlich behandelter.

Die Tradition reicht weit zurück. Im Hütten- und Bootsbau blickt Nadelholzteer auf über tausend Jahre dokumentierter Anwendung zurück. Wer im Weserbergland einmal eine mittelalterliche Bootsrekonstruktion besichtigt hat, wird die dunkel glänzenden Planken wiedererkannt haben – ein Anstrich, der selbst nach Jahrzehnten im Wasser noch Spuren hinterlässt. Auch an historischen Hausfunden lässt sich Holzteer bisweilen chemisch nachweisen, etwa in Erdproben unmittelbar unter Pfostenstellungen.

ParameterAnkohlenNadelholzteer
Eingriffstiefewenige Millimeter, nur Oberflächedringt mehrere Millimeter bis Zentimeter tief ein
WirkprinzipPyrolyse – teerartige Substanzen in der verkohlten SchichtImprägnierung mit pflanzlichen, nicht wasserlöslichen Substanzen
Hauptwirkungfungizid und wasserabweisend an der Oberflächefungizid, wasserabweisend und feuchtigkeitspuffernd im Holzinneren
Optische Spurschwarzer Ring, deutlich sichtbardunkler, leicht glänzender Anstrich
Haltbarkeit im Bodenendet, wo die Verkohlungsschicht endethält an, solange der Anstrich intakt bleibt
Archäologisch belegt seitca. 5.000 v. Chr.über 1.000 Jahre Tradition in Hütten- und Bootsbau

Warum Ankohlen allein selten ausreicht

So überzeugend das Bild des schwarzen Ringes am Pfostenfuß ist, so nüchtern fällt die Bilanz aus, wenn man die Schicht genauer betrachtet. Fachleute für historischen Holzbau weisen seit Jahren darauf hin, dass die Verkohlungsschicht zwar selbst verrottungsresistent ist – genau das ist ja ihr Sinn –, dass aber das tiefere Holz darunter ohne zusätzlichen Schutz verrotten kann. Wasser, das von der Seite durch das Erdreich drückt, Pilzhyphen, die unter der verkohlten Zone ansetzen, oder einfach die mechanische Beanspruchung beim Setzen des Pfostens: Sie alle greifen das Holz dort an, wo der Kohlenschutz nicht mehr hinreicht.

Das erklärt, warum reine Ankohl-Rekonstruktionen auf problematischen Böden – etwa in der verdichtenden Aue der Weser oder in staunassen Mulden – oft schon nach wenigen Jahren Spuren von Fäulnis zeigen. Man sieht es am Pfosten dann sehr genau: Die schwarze Zone bleibt stabil, aber zwei, drei Zentimeter darüber beginnt das Holz weich zu werden. Die Imprägnierung, die nur außen sitzt, hat das Innere nicht erreicht.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Das Verfahren selbst ist heikel. Wird zu kurz angekohlt, bleibt die Pyrolyse unvollständig und die Schicht zu wenig verdichtet. Wird zu lange oder zu heiß gebrannt, reduziert sich der tragende Holzquerschnitt spürbar, weil zu viel Material in Kohlestaub zerfällt. Das richtige Maß – eine durchgehende, gleichmäßige, etwa zwei bis drei Millimeter starke Kohleschicht ohne tieferen Abbrand – erfordert Übung und Erfahrung mit dem jeweiligen Holz.

Genau an dieser Stelle gewinnt der Nadelholzteer seine Stärke zurück. Ein Pfosten, der vor dem Einbau rundum mit Kiefernholzteer gestrichen wird, hat nicht nur eine funktionierende Außenschicht, sondern ein in die Tiefe wirkendes Imprägnat. In der Praxis kombinieren erfahrene Holzschutz-Teams beide Verfahren: Die kritische Erd-Luft-Zone wird zunächst angekohlt und anschließend mit Teer überstrichen. Die Verfahren schließen sich nicht aus – sie ergänzen sich.

Laubholzteer und die Frage der Holzart

Nicht jeder Teer ist für erdberührte Bauteile geeignet. Wer sich auf einem mittelalterlichen Markt umsieht, findet neben dem dunklen, schweren Kiefernholzteer häufig auch hellere, fast honigfarbene Varianten, die als Buchen- oder Birkenholzteer angeboten werden. Diese Laubholzteere enthalten in ihren organischen Anteilen deutlich mehr Pech. In der Fachsprache ist das die Abgrenzung, die auch die DIN 55946 vornimmt: Pech und Teer sind nicht dasselbe, und ihre Eigenschaften für den Holzschutz unterscheiden sich grundlegend.

Die Folge: Laubholzteer kann auf Dauer mehr schaden als nützen. Wo Nadelholzteer das Holz durch seine nicht wasserlöslichen Substanzen stabilisiert, drückt Laubholzteer langfristig Feuchtigkeit ins Holz und kann den Zellverband angreifen. In Rekonstruktionen, in denen über lange Zeiträume hin beobachtet wird, zeigt sich das meist zuerst an den erdberührten Bereichen: Das Holz wird weich, dunkel, im schlimmsten Fall beginnt es zu faulen, obwohl – oder gerade weil – es behandelt wurde.

Umgekehrt lohnt es sich, einen genauen Blick auf die Holzart selbst zu werfen. In der experimentellen Archäologie und im historischen Hausbau gilt die Wahl widerstandsfähiger Holzarten als ebenso entscheidend für die Lebensdauer eines Pfostenbaus wie jede Oberflächenbehandlung. Eichenholz ist hier die erste Wahl, weil sein hoher Gerbsäuregehalt von Natur aus fungizid wirkt. Die Gerbstoffe – dieselben, die früher Leder haltbar machten – hemmen das Wachstum von Fäulnispilzen in den oberen Holzschichten, bevor eine Imprägnierung überhaupt nötig wird.

Wer im Gelände vor einem historischen Pfostenloch steht, kann diese Spur mitnehmen: Ein Pfosten aus Eiche, kombiniert mit einem Ankohl-Ring und einem Teeranstrich aus Kiefernholz, hat drei unabhängige Schutzebenen. Erst wenn eine davon versagt, beginnt das Holz ernsthaft zu leiden.

Konstruktiver Holzschutz: Was die Lage im Gelände entscheidet

Die ganze Diskussion über Ankohlen und Holzteer läuft ins Leere, wenn die Konstruktion selbst das Wasser einlädt. Ein Pfostenloch, das in einer Mulde steht und in dem sich nach jedem Regen das Wasser sammelt, wird jeden Holzanstrich der Welt untergraben. Hier kommt der konstruktive Holzschutz ins Spiel – also die Frage, wie Pfosten und Schwellen so in das Gelände gesetzt werden, dass Feuchtigkeit gar nicht erst bis zum Holz vordringt.

In der Praxis der experimentellen Archäologie im Weserbergland bedeutet das mehrere Dinge gleichzeitig:

  • Der Pfosten wird auf einen sickerfähigen Untergrund gesetzt – eine Schicht aus Kies oder grobem Schotter am Boden des Lochs lässt Wasser seitlich abfließen, statt es unter dem Holz zu stauen.
  • Das Pfostenloch wird oben mit einer leichten Geländeerhöhung oder einem kleinen Hügel um den Pfosten herum modelliert, damit Regenwasser vom Holz weg und nicht zu ihm hin läuft.
  • Die direkte Erd-Luft-Zone, in der Holz abwechselnd feucht und trocken fällt, wird konstruktiv verkürzt – etwa durch einen aufgesetzten Sockel aus Feldsteinen oder durch eine Schwelle, die den Pfosten vom Boden abhebt.
  • Die Pfosten werden in Abständen kontrolliert, gedreht oder ausgetauscht, solange die Rekonstruktion noch aktiv betreut wird – ein Vorgehen, das im Mittelalter ebenso üblich war wie in jedem heutigen Freilichtmuseum.

Beachten Sie beim nächsten Besuch einer Rekonstruktion einmal die Geländeoberfläche rund um die Pfosten. Sie werden fast immer eine dieser kleinen, unscheinbaren Maßnahmen finden: ein Kiessockel, ein angedeuteter Sockel aus Feldsteinen, ein leichtes Gefälle hin zur Hofseite. Es sind diese Details, die darüber entscheiden, ob ein Grubenhaus fünf Jahre oder fünfzig Jahre steht – und sie sind im Gelände oft leiser als jeder Anstrich.

Die beste Imprägnierung nützt wenig, wenn das Wasser im Pfostenloch steht.

Wer im Weserbergland unterwegs ist und einmal am Mittelalterhaus Nienover oder an einer der anderen rekonstruierten Anlagen vorbeischaut, dem empfehle ich eine einfache Übung: Gehen Sie langsam einmal um die Pfosten herum, knien Sie sich hin und lesen Sie die Erd-Luft-Zone wie eine Karte. Sie werden dort drei, vier übereinanderliegende Schutzschichten entdecken – den dunklen Ring des Ankohlens, den matten Glanz eines Teeranstrichs, den Kiesrand am Boden des Lochs, das kleine Gefälle im Gelände. Jede dieser Schichten ist für sich genommen unvollständig. Zusammen aber ergeben sie das, was eine ernsthafte Rekonstruktion von einer bloßen Anschauung unterscheidet.

Die Frage „Ankohlen oder Holzteer?" hat damit eine klare Antwort, und sie heißt nicht „entweder, sondern". Wer langfristig bauen will, kombiniert beide Verfahren mit einer widerstandsfähigen Holzart und einem Gelände, das das Wasser vom Holz weg statt zu ihm hin führt. Die alte Handwerkstradition verlangt keine Wahl, sondern ein sorgfältiges Zusammensetzen – sichtbar bis heute, in jedem schwarzen Ring am Fuß eines Pfostens.

Häufige Fragen

Warum reicht Ankohlen allein oft nicht als Schutz aus?
Die Verkohlungsschicht schützt nur die Oberfläche, während das tiefere Holz darunter weiterhin anfällig für Feuchtigkeit und Pilzbefall bleibt.
Welcher Teer eignet sich für den Schutz von Holzpfosten?
Es sollte ausschließlich Nadelholzteer aus Kiefernholz verwendet werden, da dieser das Holz stabilisiert, während Laubholzteer Feuchtigkeit ins Innere drücken und Fäulnis fördern kann.
Wie lässt sich die Lebensdauer eines Pfostens im Boden zusätzlich verlängern?
Durch konstruktive Maßnahmen wie eine Kiesschicht am Boden des Pfostenlochs, eine leichte Geländeerhöhung um den Pfosten oder die Verwendung von Steinsockeln kann Wasser vom Holz ferngehalten werden.
Warum ist Eichenholz für den Bau von Grubenhäusern besonders geeignet?
Eichenholz besitzt einen hohen Gerbsäuregehalt, der von Natur aus fungizid wirkt und das Wachstum von Fäulnispilzen in den oberen Holzschichten hemmt.