Mittelalterliches Transportschiff vor Lindau entdeckt
C14-Datierungen von Holzproben bestätigen: Vor der Lindauer Insel im Bodensee liegt ein Transportschiff aus den Jahren 1420 bis 1450 nach Christus.

Damit handelt es sich um den erst fünften archäologisch belegten spätmittelalterlichen Schiffswrackfund im gesamten Bodenseebecken — ein singulärer Befund für die maritime Sachkultur des 15. Jahrhunderts im Alpenvorland. Die Arbeiten unterstehen dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.
Stratigraphie und Befundsituation
Der Wrackkörper befindet sich in situ auf dem Seegrund, knapp vor der Lindauer Hafeneinfahrt. Professor Dr. Tobias Pflederer hat gegenüber den zuständigen Stellen erklärt, dass eine Hebung derzeit nicht vorgesehen ist. Die Auflage einer Sedimentschicht über dem Fund schützt die Holzstruktur vor Sauerstoffeintrag und biologischem Abbau. Dieses Vorgehen ist methodisch konsistent: Bei organischen Funden in subaquatischen Kontexten birgt jede Freilegung ohne konservatorische Infrastruktur das Risiko irreversibler Schädigung.
Der Schiffstyp wird als spätmittelalterliches Transportschiff eingestuft. Die genaue Funktion — Güter- oder Personenbeförderung auf den Binnensee-Handelsrouten zwischen dem süddeutschen, österreichischen und schweizerischen Ufer — ist anhand der bisherigen Befundlage noch nicht abschließend zu klären. Eine begrenzte Kernentnahme zur Holzartbestimmung ist geplant, jedoch noch nicht durchgeführt.
Vermessung und digitale Dokumentation
Die Erfassung des Wracks erfolgt über Tiefwasser-Sonarmessungen. Aus den gewonnenen Daten sollen 3D-Modelle des Rumpfes erstellt werden — ein Verfahren, das bei der räumlichen Komplexität eines Schiffsbaus ohne vollständige Freilegung die einzige sinnvolle Dokumentationsstrategie darstellt. Die Koordination liegt bei regionalen Tauchteams in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.
Für die digitale Befundsicherung ergibt sich damit ein klar definiertes Arbeitspaket: Erfassung der Gesamtgeometrie per Sonar, Ableitung von Profilschnitten im 3D-Modell, Kartierung einzelner Konstruktionsmerkmale — Spanten, Plankenverbindungen, Bodenwrangen — sofern die Auflösung dies zulässt. Die Herausforderung liegt in der notwendigen Auflösung der Unterwassermessung. Sonarmessungen in See liefern in der Regel Punktwolken, deren Genauigkeit mit der Wassertiefe und der Strömungssituation abnimmt.
Einordnung für die Bodenseearchäologie
Vor diesem Fund waren insgesamt vier spätmittelalterliche Wracks im Bodensee dokumentiert. Fünf belegte Schiffsfunde über einen Zeitraum von rund dreihundert Jahren — das ist eine geringe Funddichte angesichts der zentralen Rolle des Sees als Handelsachse zwischen den Alpenpässen und dem Oberrhein. Jeder zusätzliche Befund verändert die statistische Basis für Aussagen zur Schiffsbautechnik und zum Güterverkehr der spätmittelalterlichen Binnenschifffahrt signifikant.
Die Radiokarbondatierung auf den Zeitraum 1420–1450 datiert das Schiff in eine Phase intensiven regionalen Handelsausbaus. Welche Handelsrouten konkret bedient wurden und welche Waren transportiert sind, bleibt ohne vollständige Fundanalyse Spekulation. Die geplanten Kernproben zur Holzidentifikation könnten zumindest klären, ob das Bauholz regionalen oder überregionalen Ursprungs ist — ein erster methodischer Ansatz zur Eingrenzung.
Rekreationstaucher werden ausdrücklich auf die Denkmalschutzzonen hingewiesen. Der Fundort unterliegt den Regularien des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege; eigenmächtige Eingriffe oder Annäherungen ohne Genehmigung sind nicht gestattet. Weitere Schritte — insbesondere der Umfang der geplanten Kleingrabung zur Erfassung der Konstruktionsmethodik — stehen noch zur Abstimmung.