DNA-Analyse widerlegt: Gemeinsame Gräber im Mittelalter waren selten familiär
Befund aus 50 Mehrfachbestattungen Skandinaviens: 142 Individuen aus der späten Wikingerzeit und dem Mittelalter wurden am Zentrum für Paläogenetik der Universität Stockholm aDNA-analysiert.

Das in Science Advances publizierte Ergebnis stellt eine der hartnäckigsten Grundannahmen der Gräberarchäologie in Frage - gemeinsam bestattete Erwachsene und Kinder waren in der Mehrzahl der Fälle nicht blutsverwandt. Parallel lieferte auch die Georadar-Prospektion in Roskilde neue Daten: Unter einem Fußballplatz zeichnen sich Reste des 1256 gegründeten Klarissenklosters St. Clare ab, darunter Klausur, Kirchensaum und ein gut erhaltener Ostflügel.
Datengrundlage und Fundplätze
Die Skelettreste stammen aus drei schwedischen Fundstellen: Sigtuna östlich von Stockholm, Västerhus in Jämtland und Fjälkinge in Schonen. 116 Individuen gehören zu 50 Mehrfachbestattungen, also Gräbern mit zwei oder mehr Personen. 26 weitere Individuen aus Einzelgräbern derselben Fundplätze bilden die Vergleichsgruppe. Das Kollektiv umfasst 68 Kinder und Jugendliche sowie 74 Erwachsene. Die genetische Auswertung orientierte sich an Erst- und Zweitgradverwandtschaft sowie an der genetischen Diversität der jeweiligen Grabgruppe.
Was die Genetik zeigt
51 Mehrfachbestattungen ließen sich nach Alter und Geschlecht auswerten. 28 davon - 54,9 Prozent - bargen Erwachsene und Kinder gemeinsam, 12 ausschließlich Kinder, 11 ausschließlich Erwachsene. Bei Västerhus wiesen nur drei von 25 Mehrfachbestattungen mit ausreichender DNA-Qualität Verwandtschaft ersten Grades nach: zwei Schwestern, ein Vater mit Sohn und zwei vermutliche Geschwister. In Sigtuna fanden sich in zwei von 16 Gräbern nahe Verwandtschaftsverhältnisse. Die genetische Diversität in den Mehrfachbestattungen entsprach der oder überstieg die der jeweiligen Vergleichsgruppen aus Einzelgräbern - ein deutlicher Hinweis, dass die Bestattungsgemeinschaften nicht aus eng verwandten Personen bestanden. Die archäologische Standardinterpretation "Eltern und Kinder im selben Grab" hält der genetischen Prüfung nur in einer Minderheit der Fälle stand.
Konsequenz für die Befundansprache
Die Daten zwingen zu einer methodischen Korrektur: Das Konzept "Familie im Grab" war in der mittelalterlichen Bestattungspraxis Skandinaviens nicht der Regelfall. Welche Faktoren - Haushaltszugehörigkeit, Standesbindung, institutionelle Bindung - die Auswahl der Bestatteten bestimmten, lässt sich aus dem genetischen Befund allein nicht klären. Auch die häufig zitierte "Kindsbestattung" als Indiz für Verwandtschaftsgrad verliert an Selbstverständlichkeit. Für laufende und geplante Grabungen im Weserbergland heißt das: Mehrfachbestattungen künftig nicht ohne humangenetische Datenlage als Familiengräber zu führen. Wo Skeletterhaltung und Finanzierung es erlauben, gehört eine aDNA-Probenahme frühzeitig in den Grabungsablauf - die Zahn- oder Felsenbeinsektion lässt sich ohne zusätzliches Planum in den bestehenden Workflow integrieren.