Greifvogelhorste als unerwartete Archive der Archäologie
Wie DW.com berichtet, wurden in den Felsklippen von Nerpio im Südosten Spaniens über Jahrhunderte genutzte Horste von Greifvögeln zu archäologischen Fundstellen.

Biologen, Archäologen und Kletterer bargen in den Nestern organische Objekte, die bis zu 700 Jahre alt sind. Dazu zählen Sandalen, ein Schaffell-Maskenfragment, ein Pfeil und gewebte Artefakte. Der Befund ist methodisch bemerkenswert: Die Vögel haben über Generationen hinweg Material eingebettet und konserviert, das an der Oberfläche längst vergangen wäre.
Befundlage in den Horsten
Die Nester befinden sich in unzugänglichen Felswänden und wurden über lange Zeiträume kontinuierlich ausgebaut. Eingelagerte Beutereste, Fellstücke und Pflanzenmaterial bilden in den Horsten eine dichte, geschichtete Packung. Bei der Bergung in Nerpio ließen sich einzelne Objekte stratigraphisch trennen, wobei die Datierung einzelner Stücke bis zu 700 Jahre in die Vergangenheit weist. Der Zustand der Textilien und des Leders war für organisches Material in offenen Kontexten ungewöhnlich gut. Die Kombination aus kurzfristigem Nistmaterial und langfristiger Akkumulation erzeugt eine eigene Form der Befundgenese, die sich nicht ohne Weiteres in die übliche Schichtabfolge einordnen lässt.
Dokumentation und Methodik
Der Zugang zu den Horsten erforderte seiltechnische Sicherung; die Bergung erfolgte schichtweise von oben nach unten. Fotogrammetrische Aufnahmen und tachymetrische Einmessungen wurden vor jeder Entnahme durchgeführt, um die Lage der Objekte im Horst dreidimensional festzuhalten. Damit liegt erstmals eine geschlossene Befunddokumentation aus einem nicht-menschlichen Akkumulationskontext vor. Das Projekt verbindet Wildbiologie, Klettertechnik und Grabungstechnik — drei Disziplinen, die bisher selten gemeinsam an einem Befund arbeiten. Die enge Abstimmung bei der Profilzeichnung und der Probenentnahme war entscheidend, um Kontaminationen und Verluste zu vermeiden.
Einordnung für die eigene Arbeit
Für archäologische Projekte in vergleichbaren Felsregionen wirft der Fund mehrere Fragen auf: Welche Vogelarten akkumulieren in welchem Umfang Material? Wie stabil sind die Horizonte über Jahrhunderte? Welche Erhaltungsbedingungen herrschen in den Horsten im Vergleich zu Höhlen oder Freilandbefunden? Solche Daten ließen sich nur durch gezielte Kooperation mit Ornithologen und durch systematische Beprobung bestehender Horststandorte erheben. Bis entsprechende Publikationen mit konkreten C14-Daten und Materialanalysen vorliegen, bleibt der Befund aus Nerpio ein methodischer Einzelfall mit hohem Anschlusspotenzial.