Mittelalterliche Steinkreuze in Norwegen: Sensationeller Fund im Steinbruch
Die Grabungskampagne 2008 im Mühlsteinbruch von Hyllestad, Westnorwegen, zielte auf die Datierung des Abbaubetriebs ab. Im stratifizierten Abfallhaufen (spoil heap) wurden Reste von sieben mittelalterlichen Steinkreuzen dokumentiert.

Der Befund liefert erstmals den Produktionsnachweis für eine Kreuztradition, die bislang nur durch Oberflächenfunde und schriftliche Überlieferung bekannt war.
Befundlage im Steinbruchareal
Der Steinbruch liegt in einem Waldgebiet bei Hyllestad, einer Region, die seit der Wikingerzeit bis ins 20. Jahrhundert als wichtigstes skandinavisches Zentrum für Mühlsteinproduktion galt. Über 400 solcher Abbaustellen sind dort verzeichnet. Die Exporte reichten bis Hedeby im heutigen Schleswig-Holstein. Die Ausgrabung unter Leitung von Irene Baug konzentrierte sich auf die Stratigraphie eines großen Abfallhaufens, um präzisere Datierungen für den Produktionszeitraum zu gewinnen. Während der systematischen Freilegung der Schichten wurden zunächst einzelne Kreuzfragmente sichtbar. Das größte Stück mit 1,2 Metern Länge lag fast vollständig an der Oberfläche am Rand des Ausgrabungsschnitts. Die Archäologin stieß darauf, als sie zum Mittagsessen ging. Insgesamt wurden sieben Kreuze geborgen, darunter Exemplare in verschiedenen Größen, einige möglicherweise für Friedhöfe bestimmt. Die ursprüngliche Höhe des größten Kreuzes wird auf zwei bis drei Meter geschätzt, bevor es zerbrach und im Abfallhaufen entsorgt wurde.
Einordnung: Auftragsarbeit statt Massenproduktion
Anders als die industriell gefertigten Mühlsteine waren die Steinkreuze Einzelanfertigungen. Baug betont, dass es sich nicht um Handelsware handelte, die man auf einem Markt erwerben konnte. Einzelne Stücke könnten sogar im Auftrag des Königs entstanden sein. Die Produktion begann vermutlich im 11. Jahrhundert und dauerte throughout das Mittelalter an. Freistehende Steinkreuze sind eine eigenständige Tradition Westnorwegens: Im historischen Gulating-Bezirk, dem Kerngebiet von König Håkon dem Guten (10. Jahrhundert), sind rund 60 solcher Kreuze belegt. Sie galten als öffentliche Symbole der Christianisierung und wurden oft in der Übergangszeit von paganen Glaubensvorstellungen errichtet. Fast die Hälfte der heute noch erhaltenen Exemplare stammt aus Hyllestad, was auf die vorhandene Infrastruktur der Steinverarbeitung und -transporte zurückzuführen ist.
Datierungsmethodik und offene Fragen
Die Datierung der Kreuzproduktion auf das 11. bis 13. Jahrhundert erfolgte durch Holzkohlefunde aus der Stratigraphie des Abfallhaufens. Die Ausgrabung zeigt, wie wichtig die gezielte Untersuchung von Abraumhalden für die Feinchronologie mittelalterlicher Werkstätten ist. Die Qualität der Hyllestad-Kreuze scheint höher zu sein als bei vergleichbaren Funden entlang der norwegischen Westküste. Für die archäologische Forschung bleibt zu klären, welche Auftraggeber hinter den einzelnen Kreuzen standen und wie die Logistik des Transports von mehreren Tonnen schweren Steinblöcken organisiert war. Der Befund unterstreicht den Wert von Notgrabungen in scheinbar unergiebigen Arealen wie Abfallhalden – oft liegen dort die entscheidenden Daten für die Werkstattchronologie.