Libanons Urgeschichte: 400.000 Jahre Klimawandel in neuen Funden entschlüsselt
Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Nahr Ibrahim, einem Küstenfluss im Libanon, wo das Wasser seit Jahrtausenden Kalkstein talwärts trägt und sich tief in ein Flusstal geschnitten hat. Genau in dieser Landschaft haben Forschende um Dr.

Libanon: 400.000 Jahre Klima- und Landschaftsgeschichte neu gelesen
Gabriele Russo von der Universität Tübingen Fossilien erneut untersucht, die bei Grabungen vor mehr als hundert Jahren geborgen wurden. Die nun in zwei Studien im Fachblatt Communications Earth & Environment veröffentlichten Ergebnisse zeichnen eine Klima- und Landschaftsgeschichte des östlichen Mittelmeerraums über rund 400.000 Jahre nach – und korrigieren eine Annahme, die jahrzehntelang die Levante-Forschung geprägt hat.
Drei Fundstellen, dreihunderttausend Jahre Gelände
Die Funde stammen von drei Orten: Ras el-Kelb, Naame und Nahr Ibrahim. Den Forschenden gelang es erstmals, diese historischen Sammlungen präzise zu datieren. Ras el-Kelb erweist sich demnach als rund 400.000 Jahre alt und bietet einen seltenen Einblick in die Lebensweise des späten Altpaläolithikums. Nahr Ibrahim wird auf etwa 250.000 Jahre datiert und fällt damit in den Übergang vom Alt- zum Mittelpaläolithikum. Zusammen bilden die drei Sammlungen einen Zeitraum von etwa 400.000 bis 100.000 Jahren ab und liefern damit eine der längsten paläoökologischen Aufzeichnungen der gesamten Region.
Was die Fossilien erzählen, ist immer auch eine Landschaftsgeschichte: Zur damaligen Zeit war der zentrale Levante teils dicht bewaldet, und frühe Menschenlinien nutzten das Gebiet als Wanderkorridor zwischen Europa, Asien und Afrika. Die Funde verweisen auf Bewegungen des Homo sapiens und mögliche Begegnungen mit Neandertalern – in einer Umwelt, die sich deutlich von der im Süden der Region unterschied.
Der Süden ist nicht das Ganze
Lange galt der südliche Levant als Stellvertreter für die gesamte Region. Über hundert Jahre lang wurde er intensiv erforscht, während die zentralen und nördlichen Bereiche – auch wegen der politischen Instabilität im Libanon seit den 1970er Jahren – weit weniger Aufmerksamkeit erhielten. Wie das Team um Russo und die Mitautorin apl. Prof. Dr. Sireen El Zaatari deutlich macht, lässt sich diese Übertragung nicht länger halten. Die Umweltbedingungen im Zentrum wichen erheblich von denen im Süden ab, und damit auch die Lebensbedingungen für Tiere und frühe Menschen.
Gerade weil politische und soziale Spannungen den Zugang zu wichtigen Fossilfundstellen im Libanon immer wieder einschränken, gewinnen historische Sammlungen zusätzlich an Gewicht. Die neuen Befunde unterstreichen den hohen wissenschaftlichen Wert solcher Archive – überall dort, wo neue Grabungen über lange Zeiträume hinweg nicht möglich sind.
Was alte Sammlungen lesbar macht
Die vielleicht spannendste Erkenntnis dieser Studien ist methodischer Art: Auch Ausgrabungen, die ein Jahrhundert zurückliegen, sind keine abgeschlossenen Bücher. Moderne Datierungsverfahren und ökologische Auswertungen holen aus den damals geborgenen Funden Informationen heraus, die den Forschenden der ersten Stunde noch nicht zugänglich waren. Russo selbst hebt hervor, dass gerade die schwierige Forschungslage im Libanon historische Sammlungen besonders wertvoll mache.
Für den heimischen Blick im Weserbergland heißt das: Alte Funde, alte Sammlungen und selbst lange vernachlässigte Aufzeichnungen sind keine geschlossenen Kapitel, sondern Palimpseste, die sich mit neuen Fragen neu befragen lassen. Wer durch eine Landschaft geht und dabei eine unscheinbare Bodenwelle, einen vergessenen Steinbruch oder eine ungewöhnliche Flurform wahrnimmt, sollte im Hinterkopf behalten, dass solche Spuren oft erst dann erzählbar werden, wenn jemand sie mit den richtigen Methoden erneut liest. Die libanesischen Funde erinnern daran, dass auch in unseren Breiten manche Schicht im Gelände noch darauf wartet, neu befragt zu werden.