Archäologische Spurensuche im Chorraum des Klosters Nonneseter
Im erweiterten Chorraum des mittelalterlichen Benediktinerinnenklosters Nonneseter in Bergen dokumentieren Fachleute des norwegischen Kulturerbe-Instituts NIKU die stratigrafischen Befunde.

Wie NIKU mitteilt, werden im Zuge der Neugestaltung des Areals rund um die Lightrail-Haltestelle Nonneseter mittelalterliche Gräber und Alltagsgegenstände freigelegt, um das klösterliche Leben vor knapp 900 Jahren zu rekonstruieren. Für die Grabungstechnik ist der Fall vor allem methodisch interessant: Ein städtisches Infrastrukturprojekt erzwingt die archäologische Befundsicherung, bevor moderne Baumaßnahmen die Stratigrafie zerstören.
Vorkampagne 2006 und heutige Schnittfläche
Im Jahr 2006 hatte NIKU im Zuge des Baus der ersten Lightrail-Linie Bergens rund 30 Gräber aus der Klosterzeit sowie Fundamente der mittelalterlichen Kirche dokumentiert. Mehrere Bestattungen lagen unter dem Fußboden des Chors, weitere in unmittelbarer Nachbarschaft. Die laufende Grabung erweitert die damalige Aufschlussfläche bis an die Außenwand der erhaltenen Korkapellet – dem östlichen Restbau der Klosterkirche. Nach Angaben des Instituts zählte dieser Bereich zu den bevorzugtesten Bestattungslagen innerhalb des Konvents. Eine Bestattung im Kircheninneren war im Mittelalter einem eng begrenzten Personenkreis vorbehalten; der Chor galt als sakral herausgehobener Ort, an dem Geistliche, Angehörige des Königshauses und wohlhabende Stifter beigesetzt werden konnten.
Bestand und Rahmenbedingungen
Nonneseter wurde vermutlich in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als Benediktinerinnenkloster gegründet. Vom einst ausgedehnten Komplex sind oberirdisch nur noch der westliche Turmsockel und die östliche Korkapellet erhalten. Für die Umgestaltung werden die ehemalige Silberwarenfabrik und ein benachbartes Gebäude abgebrochen; dadurch entsteht eine zusammenhängende Freifläche zwischen den beiden mittelalterlichen Bauteilen. Laut NIKU wird dieser Zustand erstmals seit über einem Jahrhundert wiederhergestellt. In der Planung ist vorgesehen, den Grundriss des ursprünglichen Kircheninnenraums und des Klostergartens im öffentlichen Raum zu markieren – ein sichtbares Zeichen dafür, dass der archäologische Befund in die Stadtgestaltung einfließt. Frühere Arbeiten am Nonneseter hatten bereits Fragmente eines Fliesenbodens und einzelne dekorierte Fliesen geliefert, die Rückschlüsse auf die Innengestaltung der Klosterkirche erlauben.
Was die laufende Grabung zeigen muss
Der Fall demonstriert, in welchem Umfang eine lightrail-begleitende Archäologie in historischen Innenstädten notwendig wird: Vor jeder Tiefbaumaßnahme muss mit erhaltener mittelalterlicher Stratigrafie gerechnet werden. Die laufende Befunddokumentation wird zeigen, ob sich die 2006 nachgewiesene Gräberdichte im Chorbereich fortsetzt und ob weitere Bestattungen die These eines hochrangigen Bestattungsplatzes erhärten. Gefragt sind weniger spekulative Rekonstruktionen als präzise Profilzeichnungen, Tachymeter-Aufnahmen und die konsequente Trennung von Fundlage und Schichtgrenze. Die Bergener Grabung wird damit weniger durch spektakuläre Einzelfunde als durch die methodische Sauberkeit der Schichtansprache und der digitalen Befundfotogrammetrie zu bewerten sein.